Stand 23.01.2008

 

 

Z W Ö L F T E S   K A P I T E L.

Huizen. 

Als ich im August 1926, zum ersten Male an einem Camp in Ommen teilnahm, sah ich in dem großen Vortragszelt den Träger einer violetten Soutane, der sein kritisches Auge prüfend über die dort Versammelten gleiten ließ, als wollte er “Menschen fischen”. Es war Dr. James Wegdwood, mit dem man mich bald bekannt machte: der Bischof und Begründer der seit 1916 bestehenden sog. liberal-katholischen Kirche (liberal catholic church in ihrem englischen Ursprungslandé genannt). Ursprünglich anglikanischer Geistlicher und eine zeitlang Generalsekretär der englischen Sektion der Theos. Ges., hatte er sich von seiner ursprünglichen Kirche getrennt und vom Bischof in Utrecht, dem Sitze der sog. altkatholischen Kirche Hollands, die Bischofsweihe empfangen; hatte dann seinerseits in Australien den führenden Theosophen Charles W. Leadbeater zum Bischof geweiht, der alsbald in Sidney der Vorsitzende Bischof (presiding Bishop) der ganzen liberal-katholischen Kirche wurde. In verhältnismäßig rascher Folge waren Bischöfe und Priester in allen Erdteilen hinzugekommen. (Welches hohen Ansehens sich Leadbeater auch in Sidney erfreute, ersieht man auch daraus, daß er, wie ich erfuhr, zur Teilnahme am eucharistischen Kongreß von dem dortigen römisch-katholischen Erzbischof eingeladen wurde und mit seinem ganzen Klerus in die Kathedrale kam. Ein schönes Zeichen brüderlicher Großzügigkeit!)

Eine Zeitlang hofften die beiden Männer, sowie auch Dr. Besant, die Präsidentin der Theos. Ges., Krishnamurti werde sich als Weltlehrer dieser neuen Kirche als eines Instrumentes bedienen, sie werde als die von Vielen ersehnte Kirche der Zukunft sein. Schon wurden in Nachahmung der 12 Apostel gleich viele aus der Schar besonders angesehener Theosophen auserlesen, die gleichsam als die Säulen dieser jungen Kirche galten. Aber die gehegte Erwartung schlug, wie sich schon sehr bald zeigte, ganz und gar fehl. Es kam wesentlich anders, als diese Häupter gedacht hatten. Zwar beriefen sie sich zunächst auf angebliche Anweisungen, die sie von den “Meistern” empfangen hatte, und liehen dadurch ihrem kirchlichen Plan vorübergehend einen imponierenden Nimbus. Später aber stellte sich über jeden Zweifel heraus, daß sie zum mindesten die Botschaft ihrer “Meister” falsch “aufgefangen” hatten. Ein dem Parapsychologen sehr vertrauter Vorgang, eine allzu häufige Quelle von Irrtümern und Fehldeutungen aller Art. Krishnamurti dachte gar nicht daran, sich der Mitwirkung einer alten oder neuen Kirche zu bedienen. Im Gegenteil, er zog schon bald einen scharfen Trennungsstrich zwischen sich und ihnen; auch mit der lib. kath. Kirche wollte er nicht die geringste Gemeinschaft haben, bat auch deren Vertreter nicht mehr, wie bisher, im kirchlichen Ornat nach Ommen zu kommen.

Mit großer Spannung folgte ich von Ommen aus der Einladung Bischof Wegdwoods nach Huizen. In nächster Nähe des bei Amsterdam unmittelbar am Zuidersee gelegenen Dorfes war der europäische Hauptsitz dieser neuen religiösen Gemeinschaft. Fern dem Lärm der Straßen, in unmittelbarer Umgebung vieler sich kreuzender Alleen, in denen schöne, vielfach von Mitgliedern bewohnte, Landhäuser - auch die von dem weitgereisten, sehr kultivierten Prof. Labberton geleitete, staatlich anerkannte Theosophenschule - lagen, erhob sich die langgestreckte Kapelle, die mehrere hundert Sitzplätze aufwies und bei größeren Zusammenkünften oft bis auf den letzten Stehplatze gefüllt war. Gleich daneben lag ein gleich großer Versammlungsraum, der später zur Kirche geweiht wurde, nachdem die erste über Nacht durch einen fast symbolisch wirkenden, ganz ungeklärten, Brand zerstört war.

Mit aller Lebhaftigkeit erinnere ich die ersten Eindrücke, die ich gleich nach meiner Ankunft von der abendlichen Segensandacht (benediction) empfing; sehe noch mehrere Dutzend Priester und einige Bischöfe prozessionsweise zu Zweien ihren Einzug halten - ohne zu ahnen, daß ich mich zwei Jahre später zu ihnen gesellen würde -, höre noch die schöne Tenorstimme des - später aus wirtschaftlichen Gründen in Amerika, wie es hieß, zum Film gegangenen Hough Nöel, der die nach einer schönen, beschwingten Melodie gesungene Litanei anstimmte: God the father seen of none... Gott, der Vater, unsichtbar... Abwechselnd wurde eine Anrufung vom Vorsänger und von der Gemeinde gesungen, mit dem jedesmaligen Gebetsausklang: Hear us holy Trinity, hör’ uns, heilige Dreieinigkeit! Es war eine wohltuende Atmosphäre des Lichtes, des Friedens und der Freude!

Ebenso eindrucksvoll war am folgenden Morgen das Leviten-Hochamt. Bei dieser Gelegenheit lernte ich die Liturgie der jungen kirchlichen Organisation kennen und sah bald, daß sie alle wesentlichen Teile der römisch-katholischen enthielt und dieser bis in die Einzelheiten kultischer Formen bis zum Verwechseln ähnlich schien. Ein ahnungslos den Raum Betretender würde einen Unterschied überhaupt nicht bemerkt haben, wenn nicht statt des Lateinischen das Englische an seine Ohren gedrungen wäre: The Lord be with you statt des ihm vertrauten Dominus vobiscum - der Herr sei mit Euch!

Der Umstand, daß ihre Schöpfer Engländer waren, brachte es mit sich, daß die liberal-katholische Liturgie im Original die englische Sprache aufwies, die auch bei größeren Tagungen vorherrschte. Aber es gab daneben Übersetzungen in die verschiedenen Landessprachen, in denen sonst der Gottesdienst abgehalten wurde. Dies brachte den Vorzug der Allgemeinverständlichkeit mit sich, zumal auch die vom Priester am Altare gesprochenen Worte allen vernehmbar waren. Diese Eigentümlichkeit regte naturgemäß meine vergleichende Betrachtung über den Wert der lateinischen Kultsprache an. Daß diese ungleich eindrucksvoller sei als das Englische, leuchtete gleich bei der ersten Teilnahme an einer Segensandacht sogar einem an sich unkirchlich gewordenen, ehemaligen Bonner Hörer ein. Auch mich dünkte, je länger ich über diese Frage nachdachte, die lateinische Kultsprache ein großer Vorzug der römisch-katholischen Liturgie. Sie empfiehlt sich in vielfacher, sowohl in praktischer als auch symbolischer Hinsicht. Ganz abgesehen von der Schönheit und Eindruckskraft des Klanges ist sie durch große Eindeutigkeit und Schärfe (“Präzision”) ausgezeichnet, vermag sie mit wenigen Worten ungewöhnlich vieles auszudrücken. Ferner ist sie als sog. tote Sprache dem Dialektwandel entzogen, darum eine Sprache für alle Zeiten und Völker. Sie vermittelt gleicher Weise die Formulierung der Lehren (“Dogmen”) wie deren Auswirkung im kultischen Leben. Sie schlingt über eine solche bedeutungsvolle Einheit hinaus ein kultisches Band um alle zur Kirche gehörenden Völker auf dem weiten Erdenrunde, erweckt in dem, der in fernen Zonen einem katholischen Gottesdienst beiwohnt, sofort ein starkes Heimatgefühl - wie ich es selbst zu wiederholten Malen erlebte, beispielsweise als ich, damals formell sogar noch außerhalb der Kirche, an einem Ostermorgen in Konstantinopel die feierlichen Weisen der sog. Sequenz Victimae paschali laudes immolent Christiani an mein Ohr dringen hörte.

Lehrreich gemahnt die lateinische Kultsprache jeden katholischen Christen daran, daß es auch jenseits aller sprachlichen wie vieler sonstiger Unterschiede eine geistige Einheit des Menschengeschlechtes gibt, eine gemeinsame, gleichberechtigte Zugehörigkeit zum großen, Völker und Zeiten umspannenden, Reiche Gottes. Ungeachtet alles dessen aber hat die Kirche schon im Mittelalter - was viel zu wenig bekannt ist, aber von dem Osnabrücker Bischof Dr. Berning in einer aufschlußreichen, geschichtskundigen Schrift über Kirche und Volkstum eindrucksvoll dargelegt wird - dafür Sorge getragen, daß Volksandachten in deutscher Sprache gepflegt wurden, wie es bis zum heutigen Tage der Fall ist. Dadurch aber hat gerade die Kirche trotz des “volksfremden” Latein wesentlich zur Pflege der Volkssprache sowie der religiösen Volkslieder beigetragen, wie auch in ihrer Mitte schon lange vor Luther gegen 20 verschiedene Bibelübersetzungen bestanden. Überdies hat die auch hier wirksame Entwicklung es mit sich gebracht, daß gerade in unserem Zeitalter deutsche Übersetzungen der ganzen Liturgie in mehrfacher Ausgabe erschienen und einen wachsenden Anklang fanden. Jeder eifrige gebildete Katholik kennt und besitzt heute seinen “Schott” - oder ein ähnliches liturgisches Buch -, wodurch es ihm ermöglicht wird, Wort für Wort dem am Altare gesprochenen oder gesungenen Texte mit Verständnis zu folgen. Auch in dieser Hinsicht, erkannte ich bald, verdient die liberal-katholische Gepflogenheit keinen Vorzug vor der römisch-katholischen.

Dabei aber machte ich noch eine andere grundsätzlich wichtige Entdeckung. Ich fand, daß bei “Sekten” hier und da religiöse Dinge zu vollkommenerer Darstellung gelangen können als in der Kirche, die infolge ihres ungleich höheren Alters und ihrer weit größeren Ausdehnung naturgemäß auch mit menschlichen, infolge Trägheit fortgeschleppten, letzten Endes aber nur unwesentlichen Mängeln belastet sein kann. Sicherlich war es beispielsweise ein gewisser Mangel, wenn das Volk, solange es noch keinen “Schott” gab, zwar in seinen oft gedankenreichen und gedankentiefen Gebetbüchern den wesentlichen Teilen des hl. Opfers sowie dessen Weiheworten, aber doch nicht allen, teilweise täglich wechselnden, Gebeten und Lesungen folgen konnte. Auf langer Linie wurden, wie der Weg der Kirche durch die Jahrhunderte in erhebender Weise zeigt, solche Mängel mehr und mehr ausgeglichen. Dementsprechend wird also auch der vielleicht vorübergehende Vorsprung einer Sekte in diesen oder jenen, an sich vorbildlichen, Punkten im Laufe der Zeit von der Kirche eingeholt, ja, wie gerade der “Schott” als Gleichnis beweist, noch ungleich über-holt. Wie dürftig ist z.B. die liberal-katholische Liturgie - deren konstanter Introitus in dieser Hinsicht typisch ist - im Vergleich zu dem Reichtum der römisch-katholischen mit ihren weit zahlreicheren Lesungen, Evangelien, Hymnen und Gebeten! Die Idee der grundsätzlich bejahten “Ganzheit” und “Allumfassung” ist ja gemäß dem griechischen Ursprung des Wortes Katholiken der Sinn der rechtverstandenen Katholizität. Sie birgt offensichtlich eine größere Fülle an Entwicklungsmöglichkeiten als die Idee der “Sekte”, d.h. eines bloßen Ausschnittes. Die religiöse Sekte ist von vornherein nur ein größerer oder geringerer Teil des ganzen Lebenskreises, ein Teil Christi und seiner Lehre, aber nicht der “ganze” Christus, wie er in der von ihm feierlich gegründeten Kirche fortlebt.

Sowohl der Introitus - dessen dem Feste Dreifaltigkeit entnommener Text bei jeder eucharistischen Feier, abgesehen vom Requiem, in der lib.-kath. Liturgie wiederkehrte - als auch Gloria und Sanctus nach neuen, überaus beschwingten Weisen, das Kyrie nach einer ausdrucksvollen getragenen Melodie von allen Anwesenden gemeinschaftlich gesungen, während das Agnus Dei bezeichnender Weise - aus spätere aufzudeckenden Gründen - fehlte und das Credo in der katholischen nicänischen Form vom Jahre 381 von allen auf dem Ton G rezitiert wurde.

Einmal mit dieser “liberal-katholischen Kirche” bekannt geworden, wurde ich die empfangenen Eindrücke nicht los und kehrte in den beiden folgenden Jahren wieder von Ommen aus nach Huizen zurück. Inzwischen hatte ich mich näher mit ihren einzelnen Einrichtungen bekannt gemacht und spürte ein wachsendes Interesse für sie, zumal hier meinem einstigen priesterlichen Berufsideal die Möglichkeit einer Erfüllung winkte. Es gab in diesem Rahmen kein eigentliches Berufspriestertum, sondern - abgesehen von den Bischöfen, unter denen jedoch ein Holländer vorübergehend in den Kolonien einen Ministerposten bekleidete - hatten alle einen weltlichen Beruf. Viele, die in Huizen wohnten, waren in Amsterdam oder anderswo kaufmännisch tätig, einige lehrend. Die Auslese erfolgte wesentlich aufgrund des persönlichen Gesamteindrucks, den der Kandidat auf den Bischof machte. Eine gewisse Gewähr für den Ernst des geistig-sittlichen Strebens bot, schon die theosophische Mitgliedschaft, die eine Selbstverständlichkeit war und ohnedies einen für die priesterliche Tätigkeit wichtigen Lebensstil mit sich brachte. Ehelosigkeit wurde weder als Bedingung verlangt noch empfohlen, vielmehr der persönlichen Entscheidung anheimgestellt. Man ging dabei von der selbstverständlichen - durch die Zugehörigkeit zur esoterischen Schule gerechtfertigten - Voraussetzung aus, daß jeder in seiner gesamten Lebensführung sich des Dienstes am Altare - gemäß der bei der Weihe gegebenen Zusicherung - würdig zu erweisen suche.

Nach mehrjährigen Überlegung stand mein Entschluß fest, im Rahmen dieser Gemeinschaft das priesterliche Berufsideal meiner frühen Jugendzeit zu verwirklichen. Ende September 1928 war der große Tag gekommen, das Fest des hl. Erzengels Michael, an dem ich in Huizen durch Bischof Dr. Wedgwood die hl. Priesterweihe empfing. Ein unbeschreiblich beseligender und beschwingender Vorgang! Mir war, als öffneten sich buchstäblich neue Quellen des Lebens, um mich mit ihren lebendigen Wassern zu überströmen; als träten erstmalig bis dahin brach gelegene “Zentren” der Großhirnrinde in Tätigkeit. Deutlich spürte ich in dieser Hinsicht eine Abgrenzung der sog. vier niederen Weihen gegen die drei höheren und erlebte unter diesen abermals wieder einen sehr merklichen Unterschied an “Aufladung” mit höheren geistigen Kräften. Die Seligkeiten, die ich einst am Tage meiner ersten hl. Kommunion (21.4.1895) im Zeichen inniger Gott- und Christusverbundenheit verspürt hatte, erfüllten mich jetzt in einem noch ungleich stärkeren Grade. Der alte Jugendtraum ward zur Wirklichkeit. War etwa auch diese Wirklichkeit nur ein Traum? - Im Zuge fortschreitender Entwicklung meldete auch diese Frage ihren Geltungsanspruch an und verlangte eine Antwort. Ist es notwendig, ausdrücklich hervorzuheben, daß ich einstweilen ein gutes Gewissen dabei hatte, als ich diesen Weg beschritt? Ebenso deutlich aber erinnere ich eine leise, ganz leise innere Regung, die mir wie eine stille Ahnung durch die Seele zog, als sei irgendetwas bei der Angelegenheit objektiv - obzwar subjektiv - nicht in Ordnung. Die sakramentale Gültigkeit der Weihe konnte und kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Die “apostolische Nachfolge” führte über den Jansenismus, der sich als Bischof im 17. Jhrd. wegen Unstimmigkeit in seiner Gnadenlehre von Rom getrennt und die Weihe weitergeleitet hatte zu den alt-katholischen Bischöfen Hollands, von deren Hauptsitz, Utrecht, aus auch die späteren Altkatholiken Deutschlands in den sakramentalen Kraftstrom der “successio apostolica” eingeschaltet wurden.

Während der folgenden 5 Jahre war ich im Rahmen der “lieberal katholischen Kirche” priesterlich tätig. Die breitere Öffentlichkeit erfuhr nichts davon. Nicht einmal meine Mutter wußte genaueres davon. Sie bemerkte zwar mit dem ihr eigenen Spürsinn, daß mich an vielen Sonn- und Feiertagen irgendeine geheimnisvolle geistige Tätigkeit nach Düsseldorf rief, die irgendwie mit der ihr wenig sympathischen “Theosophie” zusammenhängen müsse. Die gute, stets fröhliche Verfassung aber, die sie als Frucht meiner Tätigkeit bei meiner Rückkehr feststellen konnte, diente ihr offensichtlich zu großer Beruhigung. Überhaupt beglückte es mich tief, wenn mir unterwegs - schon gleich, als ich von Huizen kam - bedrückte Menschen, zumeist im Anschluß an Vorträge, ihre oft großen seelischen Nöte anvertrauten und dann häufig ganz ahnungslos sagten: “Man kann zu Ihnen reden wie zu einem Priester”. Ich nahm dies stets mit stillem, dankbaren Lächeln zur Kenntnis, ohne den geistigen Hintergrund meines Wirkens zu offenbaren. Ganz besonders froh stimmte es mich, wenn der eben noch reiche Tränenstrom kummervoller Menschen ganz plötzlich aufhörte - zum größten Staunen der Betreffenden, die mich mehr als einmal verwundert fragten, was ich gemacht habe; es sei ihnen mit einem Male ganz leicht. Sie ahnten nichts von der Macht des Gebetes, das ja schon in der rein natürlichen Form einer beruhigenden "Ausstrahlung" wirksam werden kann. (Daß im Hintergrunde meiner öffentlichen Wirksamkeit noch irgendein Geheimnisvolles, nicht Übersehenes vorhanden sein müsse, hatten auch einige rheinische Theologen vermutet, wie mir gelegentlich der mir befreundete Dr. Keckeis mitteilte.)

Auch sonst pflegte ich unter mir nahestehenden Bekannten kaum über meine geistliche Tätigkeit zu reden. Wozu auch? Propagandistische Absichten lagen diesem religiösen Kreise gänzlich fern. Glaubte man einem Menschen zu begegnen, der für die Teilnahme an der eucharistischen Feier empfänglich zu sein und besonderen Gewinn davon zu haben schien, so machte man ihn ohne jede Aufdringlichkeit aufmerksam, wenn sich eine Gelegenheit bot. So nahm ich gelegentlich auch einige Bonner, meist theosophisch gerichtete, von meinen Studenten, insgesamt kaum ein halbes Dutzend, mit nach Düsseldorf, wo ich in einer größeren Hauskapelle, durchschnittlich alle 14 Tage, den Gottesdienst hielt. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprachen wurden in dankenswerter Weise von E. Bierhoff mitstenographiert und nahezu unverändert unter dem Titel "Das Vaterunser, Gedanken und Betrachtungen" (1936) sowie "Zurück zu Christus! Ein Buch der Einkehr und Umkehr" (1937) veröffentlicht.

Auch auf Vortragsreisen oblag ich dieser Tätigkeit in Städten, in denen eine Gemeinde bestand. Überall handelte es sich nur um eine verhältnismäßig kleine, aber hochgestimmte Gruppe von  Menschen, die zugleich Mitglieder der Theos. Ges. waren. Die an Krishnamurti orientierten dagegen dünkten sich wie über jede, so auch über diese "Kirche" erhaben. Der Umstand, daß es sich bei der lib.-kath. Kirche überhaupt noch um eine junge Bildung und einen verhältnismäßig kleinen, wenn auch über alle Erdteile ausgedehnten, Kreis handelte, ließ in mancher Hinsicht menschliche Mängel, wie sie bei einer großen, auf eine nahezu 2000jährige Geschichte zurückblickenden, Weltkirche naturgemäß leichter auffallen, im Gesamtbilde zurücktreten. Mit Recht machte mich einmal im Gespräch der Bonner Kirchenrechtler Koeninger auf diesen Umstand aufmerksam, indem er mit humorvollen, bayrisch gefärbten Worten sagte: "Warten Sie mal ab, bis Sie mehr Mitglieder zählen; dann haben Sie dieselben Unvollkommenheiten wie bei uns." So lange brauchte ich nicht einmal zu warten. Mein "Bedarf" an Erfahrungen solcher kleinmenschlichen Art war auch in diesem kleineren Kirchenkreise schon allzubald reichlich gedeckt.

Naturgemäß beschäftigte mich besonders der Vergleich der lib.kath. Kirche, ihrer Lehre und Liturgie, mit der römisch-katholischen. Weitgehend war die Übereinstimmung: in der Anerkennung und Spendung der 7 Sakramente, in der wesentlich gleichen Feier der Eucharistie mit ihren drei Hauptteilen: in dem, wenigstens worthaften, Festhalten an dem nicänischen Credo, dessen Auslegung allerdings nicht festgelegt war. Nicht gering aber waren auch die Unterschiede, die bereits beim Gloria anhuben. Dessen teilweise geänderten Worte lauteten: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erd', den Menschen guten Willens. Wir loben, wir preisen, wir verehren, wir verherrlichen Dich, wir danken Dir für Deine große Herrlichkeit, o Herr Gott, Himmelskönig, Gott, allmächtiger Vater!

O Herr Christ, alleingebor'n vom Vater, o Herr Gott, Licht, das innen wohnt, Sohn des Vaters, dessen Weisheit mächtig und doch lieblich alle Dinge ordnet, gieß Deine Liebe aus! Dessen Kraft die ganze Schöpfung trägt und stützt und aufrecht hält, hör' unser Gebet! Du, dessen Schönheit strahlt durch das ganze Weltenall, enthülle Deine Pracht!

Denn Du nur bist heilig, Du allein bist der Herr, Du allein, o Christ, mit dem Heil'gen Geist bist der Höchste im Glanze Gottes, des Vaters. Amen." Noch bedeutsamer waren die Unterschiede bei der zweiten, kürzeren, Form des Credo. War der Anfang des ersten Satzes noch - abgesehen von dem Fehlen des Trinitätsgedankens - im Sinne einer wesentlichen Übereinstimmung deutbar, so enthielt sein Ausklang eine deutliche Verneinung der neutestamentlichen Idee der Ewigkeit einer Gottferne in der Hölle. ("Wir glauben, daß Gott Liebe und Kraft ist, Wahrheit und Licht, daß vollkommene Gerechtigkeit die Welt regiert, daß alle seine Söhne ihm einst zu Füßen sitzen werden, wie weit sie auch abirren mögen. Wir glauben an die Vaterschaft Gottes und die Bruderschaft der Menschen. Wir wissen, daß wir Ihm am besten dienen, wenn wir unseren Brüdern mit ganzer Kraft dienen. So möge Sein Segen auf uns ruhen und Friede für immer!")

An die Stelle einer dem persönlichen Belieben anheimgegebenen, praktisch kaum geübten, Ohrenbeichte trat das von allen gemeinsam gesprochene Confiteor, das Wort "Sünde" abschwächte zu bloßen "Unvollkommenheiten". Auch wurde Cölibat der Priester ebensowenig gefordert, wie die Verpflichtung der übrigen Gläubigen auf bestimmte Glaubensartikel; sie gelobten lediglich gewissenhafte Innehaltung der für die eucharistischen Feiern vorgeschriebenen Formen sowie eine ehrfürchtige Haltung gegenüber dem Bischof. Im Unterschiede zu der römisch-katholischen Gepflogenheit, die hl. Ölung nur Sterbenden oder Schwerkranken zu spenden, war der ihr entsprechende sog. Heildienst (healing service) eine feststehende Einrichtung; sie stand jedem, der eine Einbuße an leiblicher oder seelischer Gesundheit verspürte, beliebig oft zur Verfügung. Der wichtigste Unterschied aber betraf die Unabhängigkeit vom Papste. In diesem Sinne handelte es sich also wie im Altkatholizismus um eine "romfreie", darum - im geschichtlichen Wortsinne, trotz weitgehender sachlicher Übereinstimmung, nur dem Namen nach katholischen - Kirche.

Schon aus diesem Grunde war der sich in dem Namen findende Zusatz "liberal" gerechtfertigt. Er deutete darüber hinaus auf die weitgehende persönliche Freiheit der Glaubenshaltung von festgelegten Lehren ("Dogmen") und sonstigen Satzungen hin. Nichteinmal persönliche Mitgliedschaft war erforderlich, um der sakramentalen Segnungen teilhaftig zu werden. Alle Menschen "guten Willens" und ehrfürchtiger Haltung waren zum Gottesdienste und Empfang der Sakramente willkommen. So fanden sich auch viele sonst Außenstehende ein, empfingen im Banne der eindrucksvollen Feierlichkeit die hl. Kommunion, nahmen vielleicht auch am "Heilgottesdienst" teil: im Einzelfalle sogar - allerdings entgegen der vorgesehenen Reihenfolge - ohne schon getauft zu sein. Es war überhaupt eine schöne Selbstverständlichkeit, daß alle, die an der eucharistischen Feier teilnahmen, auch kommunizierten. Ich erlebte es, daß ein älterer, geistig sehr regsamer Katholik, der viele Jahre ohne Sakramente gelebt hatte, gleich das erste Mal sich mit großer Andacht beteiligte und in bewegten Worten seine Dankbarkeit für diese ihm gebotene Gelegenheit zum Ausdruck brachte.

Das weitgehende Zugeständnis an die persönliche Freiheit, um nicht zu sagen, Willkür, das der liberale Charakter dieser kirchlichen Gruppe mit sich brachte, wirkte sich teils in gutem, teils in nachhaltigem Sinne aus. Es nahm von vornherein jeglichen Druck von den Gewissen, ließ alle gleichsam leicht aufatmen und in einem Zustande des "guten Gewissens" frohen Anteil an den heiligen Handlungen, Gebeten und Gesängen nehmen. Bei diesen Feiern fehlte jede, auch die kleinste, Spur von "Muffigkeit". Schon die Hymnen, die zu Beginn beim Einzuge der - anläßlich der Tagungen in Huizen oft viele Dutzend zählenden - Priester gesungen zu werden pflegten, schufen mit ihrem lebhaften Tempo einen guten Stimmungsboden aufnahmefreudiger Bereitschaft. Sie rissen buchstäblich jeden, auch den bedrückt erschienenen, mit sich fort und hinein in den höheren starken Kraftstrom eines auf Christus gerichteten Gemeinschaftslebens.

Auch die Priesterweihe, an der ich wiederholt im August in Huizen teilnahm, stand im Zeichen einer fröhlichen Frömmigkeit und bot, zuletzt unter Leitung des sehr abgeklärten Bischof Pigott, des Herausgebers der Zeitschrift The liberal Catholic - in der meine englische Ansprache über die Idee des Gebetes (the idea of prayer) erschien - manche Anregungen. Besonders wohltuend war das herzliche Band, das Bischöfe und Priester umschlang. Von irgendeinem autoritativen Überdruck war nichts spürbar. Das Christuswort: "wer unter euch groß sein will, der sei euer Aller Diener" erfüllte sich in einer so schönen Weise, daß die Autorität nicht darunter litt, sondern sich vollends befestigte.

Aber es fehlte auch nicht an typisch liberalen Merkmalen im weniger guten Sinne. Oft konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Mangel an einem festen Gefüge von klar formulierten Glaubenslehren, von eigentlicher "Dogmatik" - ohne die sich eine religiöse Organisation zuletzt schwerlich lebensfähig erweist - nicht nur bei der Laien, sondern auch bei den Priestern zu einer gewissen Abschwächung der eucharistischen Feier im Sinne einer mehr okkultmagischen, erbaulichen Handlung als eines eigentlichen Gottes- und Opferdienstes führte. Dahin gehörte auch eine gewisse gelegentlich in Erscheinung tretende Lässigkeit in der Erfüllung der Ordnungsansprüche objektiver Normen. Sie fing schon in einer wohl von den Meisten gar nicht bemerkten Weise bei der Liturgie an. So eindrucksvoll und der römisch-katholischen gleich sie in ihren wesentlichen Teilen, in den Gebeten und Handlungen, war, so stand sie in anderer Hinsicht doch - gemessen an der Norm altehrwürdiger christlicher Überlieferung - im Zeichen großer Willkür und Eigenmächtigkeit derer, die sie geschaffen hatten. Beim Vergleich der Episteln- und Evangelien-Texte mit den Quellen entdeckte man, daß sehr oft ganze Sätze ausgelassen oder Teile aus ganz verschiedenen Abschnitten der Originale zusammengefügt waren. Dies erschien mir, sobald ich es feststellte, als ein bedauerlicher Mangel an Ehrfurcht vor den Evangelisten wie auch vor dem Völkerapostel und sicherlich in keiner Weise gerechtfertigt, vielmehr lediglich hervorgerufen durch einen letzten Endes wohl typisch englischen Charakterzug des vorsitzenden Bischofs Leadbeater. Außerdem brachte es seine theosophische Eigenart sowie auch die seines Mitarbeiters Dr. Wegdwood mit sich, daß das der Idee der "Selbsterlösung" widerstreitende, in der römisch-katholischen Liturgie enthaltende dreimalige Agnus Dei ("Lamm Gottes, das Du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erbarme Dich unser - gib uns den Frieden!") ebenso gestrichen wurde wie das dreimalige Bekenntnis vor Empfang der hl. Kommunion: "O Herr, ich bin nicht würdig, daß Du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Solche und ähnliche Rufe um Erbarmen haben allerdings nur dort Sinn, wo der Mensch sich in aller Demut wirklich erlösungsbedürftig, mehr oder weniger "erbärmlich", fühlt und die göttliche Barmherzigkeit um Nachsicht und Hilfe anfleht. So etwas aber liegt einem allzu "selbstbewußten" Menschen von Natur nicht. Wenn er gar von Hause aus noch ein "stolzer Engländer" ist - der Ausdruck möchte nicht im Sinne voreiliger und liebloser Verallgemeinerung gedeutet sein -, überdies ein Theosoph, in dessen Sprachschatz das Wort "Gnade" fehlt, dann brachte er es, wie es hier liturgisch geschah, höchstens im Confiteor zu dem an sich schönen und tiefen Bekenntnis: "O Herr, Du hast den Menschen zur Unsterblichkeit geschaffen und ihn zu einem Ebenbilde Deiner eigenen Unvergänglichkeit gemacht. Doch oft vergessen wir unser glorreiches Erbe und irren ab vom Pfade, der zur Gerechtigkeit führt. Aber Du, o Herr, hast uns für Dich geschaffen und unsere Herzen sind immer ruhelos, bis sie in Dir die Ruhe finden. Blicke mit den Augen Deiner Liebe auf unsere vielen Unvollkommenheiten und vergib all unsere Mängel, auf daß wir erfüllt werden mit dem Glanze ewigwährenden Lichtes und ein makelloser Spiegel Deiner Macht werden und ein Bild Deiner Güte. Durch Christus, unsern Herrn."

In diesem Bekenntnis war nur die Rede von bloßen "Unvollkommenheiten" und "Mängeln" - die ja rein naturhafter Herkunft und unverschuldet sein können; es fehlte jeder Hinweis auf die bewußten und gewollten Sonderungen vom "Glanze des ewigwährenden Lichtes", die darum einen Namen von ungleich ernsterem Klang tragen und in christlicher Ausdrucksweise "Sünde" heißen. Erst in der sich an das Confiteor anschließenden, vom Priester gesprochenen, mit einem Segen endenden Formel der Absolution hieß es überraschender Weise: "Der Herr spreche euch los von allen euren Sünden und verleihe euch die Gnade und den Trost des Heiligen Geistes." Gestrichen waren die dem christ-katholischen Confiteor von alters her eigenen, rechte Demut mit stolzem Freimut vereinigenden Worte: "Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld - mea culpa, mea maxima culpa." Offenbart sich nicht in dem Fortlassen solcher Bekenntnisformel ein schwerer Konstruktionsfehler des "christlichen" Lebens, eine Verleugnung des Geistes der auf Christus selbst zurückgehenden Parabel vom verlorenen Sohne, in der sich gleichsam das Praeludium des christlichen Confiteor findet: "Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor Dir; ich bin nicht wert, Dein Kind zu heißen."? Zieht ferner ein solcher Konstruktionsfehler nicht auch eine Abschwächung des erhabenen Sinns der ganzen eucharistischen Feier nach sich? Von einer "unblutigen Erneuerung des Kreuzesopfers" war hier im Grunde gar nicht die Rede, so sehr man auch an der "wirklichen Gegenwart Christi im Altarssakrament" in voller Übereinstimmung mit der römisch-katholischen Lehre festhielt, wie Dr. Wegdwood mit einer ausgezeichneten gleichnamigen Schrift vergleichender Übersicht über die verschiedenen Lehren bezeugte.

Über die Art, wie diese "Gegenwart" Christi im Altarssakrament zustande komme, hatte der damalige Vorsitzende Bischof Leadbeater offensichtlich seine besondere Auffassung. Mit peinlichem Nachdruck hielt er darauf, daß die Feier der Eucharistie wenigstens vor 12 Uhr beginne. Noch höre ich sein kräftiges "it must begin...", das er bei einer Gelegenheit in Berlin sprach. Nach seiner - bei römisch-katholischen Christen, geschweige Theologen, sicherlich Kopfschütteln hervorrufenden - Deutung war die genaueste Innehaltung dieser Zeitfrist deshalb unerläßlich, weil sonst der erforderliche "Engel der Gegenwart" nicht mehr durch die atmosphärische Hülle unserer Erde dringen könne - eine bei einem Engel schwer glaubhafte "Unmöglichkeit". Diese Darstellung beruht, wie ausdrücklich unterstrichen sei, nicht etwa auf einem Mißverständnis, sondern gibt, wie ich aufgrund genauester Kenntnis aussprechen darf, die Denkweise Leadbeaters genau wieder. Als ich nämlich einmal bei einer Priestertagung in aller Bescheidenheit Bischof Wegdwood die naheliegende Frage vorlegte, wie sich solche Auffassung mit der Feier des letzten Abendmahles in Einklang bringen lasse, erhielt ich die mich wenig befriedigende Antwort, damals habe Christus selbst die Handlung vorgenommen. Wenn die katholische Mutterkirche die Darbringung des hl. Opfers auf den Vormittag verlegt hat - jeder unterrichtete Katholik lächelt, wenn er gelegentlich in kirchenfremden Berichten über Abendandachten von der "Meßfeier" liest -, so sind dafür ausschließlich teils historische, teils praktische Gründe maßgebend; keineswegs aber irgendwelche Erwägungen von der gekennzeichneten Art im Sinne Leadbeaters. Nach katholischer Lehre wäre die eucharistische Feier an sich zu jeder Tageszeit möglich. In altkatholischen Kirchen findet sie auch tatsächlich, wie ich von meinem in ihr tätigen alten Freunde in Wien erfuhr, in Gegenden des Priestermangels ausnahmsweise am Nachmittage statt.

Abgesehen von einer gewissen Abschwächung des Sündenbekenntnisses sowie der im kurzen Credo enthaltenen Leugnung der ewigen Hölle verriet die liberal-katholische Liturgie keinen spezifisch theosophischen Einschlag - bis auf einige, mehr fakultative, später nur für besondere Fälle vorgesehene, Wendungen, die den Schlußsegen begleiteten bzw. dieser Segensformel eingefügt waren: "Mögen die Heiligen" (the holy ones) - gemeint waren die "Meister" -, "deren Jünger ihr zu werden strebet (deren Jünger ihr schon geworden seid - hieß es in besonderen Fällen, beispielsweise auch bei der Priesterweihe, wenn es für den betreffenden Kandidaten zutraf, wie zu meiner nicht geringen Überraschung auch in meinem Falle), euch das Licht zeigen, das ihr sucht, euch die mächtige Hilfe ihres Mitgefühls und ihrer Weisheit gewähren. Es gibt einen Frieden, der all' unsere Vorstellungen übersteigt; er wohnt im Herzen derer, die im Ewigen leben. Es gibt eine Kraft, die alles neu macht; sie lebt und webt in denen, die das Selbst als Eins erkennen. Möge jener Friede über euch walten, jene Kraft euch erheben, bis ihr dort steht, wo der Eine Einweiher angerufen wird, bis ihr seinen Stern erstrahlen seht." (Bei den letzten Worten machte der diese an sich sehr schönen Weiheworte sprechende Priester das symbolische Sonnenzeichen, indem er mit der rechten Hand in den Raum einen kleinen Kreis zeichnete und einen Punkt in dessen Mitte setzte.)

Trotz der zuletzt aufgewiesenen Bestandteile geht es doch nicht an, hier, wie es gelegentlich geschah, von einer "theosophischen" Kirche zu sprechen. Durch Personalunion waren allerdings Theos. Ges. und Lib.-kath. Kirche enge miteinander verbunden, unbeschadet der Verschiedenheit des organisatorischen Aufbaus und der Wege, die beide im einzelnen beschritten. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der theosophischen Mitglieder beteiligte sich an diesem kirchlichen Leben. Viele, namentlich Anhänger Krishnamurtis, begnügten sich mit bloßer "Meditation" nach dem Vorbilde des auf Bildern und Statuen mit verschränkten Beinen und gelassenen Armen dasitzenden Gautama Buddha, dessen Lebenslehre ohne jeden Gottesbegriff und schon darum keine Religion ist.

Obwohl über den schismatischen Bischof Jansenius im Besitz der sog. apostolischen Nachfolge d.h. durchströmt von den ununterbrochene bischöfliche Handauflegung seit den Tagen der Apostel weitergeleiteten, mithin geistig fortgepflanzten, sakramental-priesterlichen Weihekräften, hat die lib.-kath. Kirche überraschender Weise in ihrer Glaubenslehre, sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann, doch mit dem sog. Jansenismus ganz und gar nichts gemein. Vermeidet sie doch schon das Wort und den Begriff Gnade im Zeichne eines optimistischen Zutrauens zu der eigenen Kraft des Menschen. Jansenius aber vertrat umgekehrt - darin eine Art Vorläufer Luthers - eine einseitige, verstiegene Gnadenlehre. In einem von der Kirche verworfenen Sinne lehrte er, daß es nur innerhalb der Kirche göttliche Gnade gebe. Ebenso verurteilte die katholische Kirche den anderen jansenistischen Satz, daß die Gnade unter allen Umständen wirksam, also immer eine gratia victrix, sei; ferner den weiteren, daß die Gnade zur natürlichen Ausstattung des Menschen gehöre, daß sie ein debitum naturae sei, und daß der Mensch als solcher sich ohne Gnade in der Macht des Teufels befinde, d.h. vom Bösen besessen sei. Dieser von Pascal damals geteilte, die Leugnung des freien menschlichen Willens einschließende, Rigorismus wurde besonders vom hl. Vincenz von Paul sowie von Mitgliedern der "Gesellschaft Jesu" bekämpft und von der Kirche ebenso verurteilt wie bereits zu früheren Zeiten die Rigorismen der Montanisten und Albigenser, nach denen die Kirche nur aus Heiligen bestehen dürfe. Als ob nicht Christus gerade umgekehrt das Wort gesprochen hätte: "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht!"

Richtunggebend war und ist in der “lieberal-katholischen” Kirche Leadbeaters umfangreiches Buch “Die Wissenschaft der Sakramente” (the science of sacraments) - ein höchst eigenartiges, in seiner Weise einzigartiges, Buch. Es gibt eine vergleichende Übersicht über die römisch-katholischen liturgischen Texte; vor allem aber eine auf dem “hellseherischen” Auge seines Verfassers beruhende Ausdeutung der verborgenen (“okkulten”) Seite alles dessen, was sich im Rahmen der Liturgie abspielt. Da findet man eine Abbildung des eigenartigen, einem Tempelbau ähnelnden, Baues, der im Laufe der eucharistischen Feier mit den in ihr wirksamen Kräften errichtet werde. Die Sakramente werden als “Kanäle” oder “Stromwege” bezeichnet. Ihre Wirksamkeit wird mit der Einschaltung eines elektrischen Stromes verglichen und so nach ihrer objektiven, von der Person des Spenders an sich unabhängigen, Seite veranschaulicht. (Eine Auffassung, die als solche längst von der Kirche festgelegt ist.) Auch der Wert der Banknoten sei ja unabhängig von dem persönlichen menschlichen Wert dessen, der sie uns aushändige. Immerhin empfange man doch lieber aus den Händen des einen als aus denen des anderen die Gabe.

In ihrer Art ist diese, schon im Titel originelle, “Wissenschaft der Sakramente” ein sehr aufschlußreiches Buch, von dessen Lektüre auch ich - trotz der aufgewiesenen Fragwürdigkeiten - große Förderung im Verständnis des Kultes empfing. Auch die Persönlichkeit seines Verfassers schien mir ein würdiger Gegenstand der Verehrung. Ja, die Leuchtkraft dieses greisen Mannes, der Glanz seiner durchbohrenden Augen und der Ausdruck seines von weißem Bart umrahmten Hauptes war auch für anspruchsvolle Augen ein ganz ungewöhnlicher Anblick und machte den Wert seines theosophisch-priesterlichen Lebensideals in hohem Grade glaubhaft. Trotz seiner 80 Jahre redete er noch mit größter Frische und schreckte vor der weiten Reise von Australien nach Europa nicht zurück. Unvergessen ist ein von mir geleiteter Berliner Abend, an dem der jugendliche Greis an die zwei Stunden, zuweilen die Hand auf meiner Schulter legend, mit unermüdlicher Geduld und bezaubernder Liebenswürdigkeit schriftlich eingereichte Fragen beantwortete. Ich war es an jenem Abend der Ehre unseres Landes schuldig, dem hohen Gaste gegenüber sowohl mit gebotenem Respekt als auch mit freundlicher Bestimmtheit auszusprechen, daß die in seinem Vorwort zur englischen Ausgabe seines Buches über “die Wissenschaft der Sakramente” enthaltenen und gerade an solcher Stelle überaus befremdenden politischen Bemerkungen über die Schuld am Weltkriege deutsche Leser verletzt hatte. Es sei ja auch, fügte ich humorvoll hinzu, die Entfernung von Australien bis Europa ein wenig zu weit, um hier alles genau zu übersehen.

Der gütige Mann vollzog einen deutlichen Ruck seines gedankenreichen Hauptes und blickte mich gütig an, als wollte er sagen: "Welch' eine Keckheit!" In dem dicht gefüllten Saale wirkte meine Bemerkung auf Viele befreiend und löste einen starken Beifall aus.

Ganz und gar nicht zustimmen konnte ich ferner aus textkritischen Gründen dem schon früher gekennzeichneten Versuche Leadbeaters und A. Besants, das Neue Testament als Kronzeuge für die Reinkarnationslehre geltend zu machen. Ich war vielmehr in diesem wie manchem anderen geschichtlichen Falle überrascht, einem solchen Mangel an Gründlichkeit zu begegnen. Wagte man übrigens in den Reihen der Theosophen solchen Bedenken einen maßvollen Ausdruck zu verleihen, so kam man, wie ich es leider zu wiederholten Malen erlebte, in den Verdacht eines anmaßlichen, überdies mit seiner Kritik sehr "lästigen Wissenschaftlers" und gehorchte doch als Philosoph aufgrund eigener genauer Kenntnis solcher Dinge nur dem Gebote ehrlichen Wahrheitsdienstes.

Vollends erregte die lediglich auf angeblichem "Hellsehen" beruhende Meinung Leadbeaters sowie wiederum der in solchen Punkten mit ihm "conform gehenden" A. Besant, Jesus sei gar nicht gekreuzigt, sondern etwa 100 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung gesteinigt worden, mein größtes Befremden. Ich vermißte da jede Auseinandersetzung mit den Berichten eines Tacitus (+120), Flavius Josephus, Sueton, Plinius d. Jüngeren - von dem Schwergewichte der ältesten christlichen Überlieferung ganz zu schweigen. Flavius Josephus, der bei der Belagerung Jerusalems im Heere des Titus mitkämpfte und dann in Rom "die jüdischen Altertümer" (Antiquitates) schrieb, berichtet, Jesus - und zwar nicht etwa ein nach theosophischer Lesart 100 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung gesteinigter Träger dieses Namens, sondern der um die von den Evangelien angegebene Zeit lebende - sei ein "Täter wunderbarer Werke, ein Lehrer der Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen", gewesen und "von Pilatus mit dem Tode bestraft" worden. Ebenso berichtet Tacitus, der Geschichtsschreiber Germaniens, in seinen Annalen (XV,44) in Übereinstimmung mit den Evangelisten, "Christus", nach dem die von Nero für den Brand Roms verantwortlich gemachten Chrestiani benannt waren, sei "unter der Regierung des Tiberius und unter dem Landpfleger Pontius Pilatus mit dem Tode bestraft" worden.

Selbst einen sonst so disziplinierten und kultivierten Kopf wie Jinarajadasa fand ich zu meiner größten Verwunderung ganz im Banne jener höchst fragwürdigen "Schau" - die mich doch weniger ein "Hellsehen" als ein Dunkelsehen dünkte -, als ich ihn gelegentlich der Tagung in Barcelona 1934 über diesen Punkt befragte. Ohne sich ein eigenes Urteil im Zusammenhange mit den profanen Geschichtsquellen der damaligen Zeit gebildet zu haben, unterwarf er sich der Autorität jener beiden. Wohin dies führen konnte, erkannte ich einmal in einem mich geradezu erschreckenden Falle, in dem eine sonst so ruhig urteilende, in vieler Hinsicht vorbildliche Theosophin jene kritiklos übernommenen Auffassungen mit dem Hinweis darauf stützen zu können meinte, Kreuzestod sei bei den Juden keine Sitte gewesen. Aber Judäa stand doch damals unter römischer Herrschaft, und bei den Römern war die Verurteilung zum grausamen Kreuzestod - den bei der Zerstörung Jerusalems wie ein Strafgericht auch zahlreiche Juden erlitten - damals eine häufige Erscheinung, wie die geschichtlichen Quellen bezeugen. Auch der an sich zutreffende Hinweis auf die Tatsache, daß sich in den ersten christlichen Jahrhunderten in den Katakomben noch keine Darstellung des gekreuzigten Heilandes finden, ist nicht gerechtfertigt. Denn die ersten Christen erblickten in den mit Edelsteinen versehenen Kreuzen das Symbol des sieghaften Lebens, während erst die spätere sog. Passionsmystik das Kruzifix, das Kreuz mit dem leidenden Heiland, entstehen ließ.

Waren schon die aufgewiesenen Gründe geeignet, an der unbedingten Zuverlässigkeit der Autorität Leadbeaters teils liturgische, teils geschichtliche Bedenken in mir wachzurufen, so kamen nach etwa 5 Jahren andere hinzu, die ungleich schwerer wogen, weil sie mit der Entstehung dieser kirchlichen Neubildung zusammenhingen. An der in ihrem Bereiche vorhandenen "apostolischen Nachfolge" schien und scheint mir auch heute kein ernsthafter Zweifel möglich. Auch dünkte es mich und ist es nach katholischer Auffassung in dieser Hinsicht belanglos, ob der anglikanische Geistliche Mathew, von dem Dr. Wegdwood zum Bischof geweiht wurde, die Wahrheit sagte oder nicht, als er dem ihn weihenden Utrechter altkatholischen Bischof die Angabe machte, er habe eine größere Gemeinde in England hinter sich.

Eine ganz andere Frage begann mich zu bedrängen und zu bedrücken: wie stand es um Jansenius, auf dessen bischöflichen Schultern ja die ganze altkatholische Kirche Hollands seit 2 Jahrhunderten stand, folglich auch die auf dieser beruhende neue liberal-katholische Kirchenbildung? Ich begegnete erstmalig der im allgemeinen unbeachteten Tatsache, daß innerhalb der katholischen Kirche jeder Empfänger der Bischofsweihe sich eidlich verpflichtet, das empfangene Gut nur in Verbindung mit dem Stellvertreter Christi auf Erden, dem Papste als dem Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, zu verwalten. Das hat auch Jansenius einst beim Empfange der Bischofsweihe feierlich gelobt. Nun kam er aber wegen seiner extremen Anschauung bezüglich der Gnadenlehre in Konflikt mit der Kirche. Es war letzten Endes die persönliche Sache seiner Gewissensentscheidung, wenn er daraus die praktische Folgerung eines Bruches mit der Kirche zog. Aber objektiv betrachtet, verstieß er nicht nur gegen die Autorität der "Einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche", sondern wurde außerdem noch wortbrüchig und verletzte den einst geleisteten Eid. (Daß ein solcher seit dem Ausgange des Mittelalters für alle Bischöfe in Geltung ist, weist Theod. Gottlob, Der kirchliche Amtseid der Bischöfe, 1936, nach). Auch Jansenius fing eigenmächtig - wie letzten Endes alle Schismatiker handelten - gleichsam "für sich an", indem er, entgegen seiner eidlichen Zusicherung, das sakramentale Gut der Priesterweihe weiterleitete und so indirekt den Grund zu dem Schisma der lib.-kath. Kirche, zu der durch sie herbeigeführten weiteren "Glaubensspaltung", legte. Immer nachhaltiger wurde ich nun zu der Frage gedrängt: war dies eine gottgewollte Tat? Entsprach sie dem Willen Jesu Christi, der auf dem Felsen Petri seine Eine Kirche, nicht mehrere Kirchen, baute und wollte, daß schließlich sogar Ein Hirt und Eine Herde sei - nicht aber, daß immer mehr Herden absprengten und den einstigen gemeinsamen Stall verließen.

Sind also nicht - fragte ich mich immer dringlicher - von vornherein alle so entstandenen Seitenäste grundsätzlich zum Verdorren verurteilt und werden sie nicht über kurz oder lang alle hinsterben, verblühen und verwelken - unbeschadet des persönlichen guten Glaubens und Gewissens derer, die infolge eines schuldlosen Irrtums sich ihnen anschlossen? Diese Einsicht sowie die ihr zu Grunde liegende Fragestellung war ebenso folgenschwer wie abseits von üblichen Erwägungen gelegen. Sogar der damalige Berliner Generalvikar Dr. Steinmann, dem ich sie vortrug, gestand, an solche, auf einen schweren Verstoß gegen einen ethischen Grundsatz zurückgeführte, Absage an schismatische Kirchengruppen habe er bisher selbst noch nicht gedacht. Als ich aber zwei mir befreundete, geistig sehr aufgeschlossene in ihrer ganzen Denk- und Lebensweise vorbildlich theosophisch gerichtete Hamburger Mitglieder auf diesen  Gesichtspunkt aufmerksam machte, begegnete ich zu meiner nicht geringen Überraschung kaum einem Verständnis. Ich hatte die Frage zunächst ganz allgemein gestellt, um einen günstigen Boden der Erörterung zu bereiten: wie ist ein Mensch zu beurteilen, der von einem anderen irgendein Gut empfängt gegen das feierliche Versprechen, es nur im engen Zusammenhange mit ihm zu verwalten, sich aber später aus irgendeinem Grunde von ihm trennt, ihm das Gut jedoch nicht zurückgibt, es vielmehr nicht nur für sich behält und nutzt, sondern sogar noch an andere weitergibt? Das Urteil der befragten, durch große Reife und Abgeklärtheit des Wesens ausgezeichneten, Frau lautete: ein solches Verhalten sei nicht recht. Als ich ihr dann die weitere Frage vorlegte, ob nicht Jansenius eine solche unrechte Tat begangen habe, ließ sie es ein wenig am Mute zur Konsequenz fehlen und erhob den Einwand: wenn A das dem B übergebene Gut nach dessen Überzeugung selbst nicht richtig verwaltete, dann könne man es dem B nicht vergelten, wenn er es für sich behalte oder gar an einen anderen weitergebe. Eine solche Erwägung deutet an sich sicherlich auf einen grundsätzlich zu berücksichtigenden Fall. Allein, nicht einmal Jansenius selbst war ja der Überzeugung, daß die katholische Mutterkirche die sakramentalen Güter nicht richtig verwalte. Er hatte ja keine allgemeinen "reformerischen" Absichten, sondern vor allem theologisch-theoretische, von der bisherigen Kirchenlehre abweichende Auffassungen von der Wirksamkeit und Verbreitung der Gnade. Er war in dieser Hinsicht, kirchenrechtlich gesehen, ein ausgesprochener Individualist und wurde als solcher ausgeschlossen bzw. er verließ selbst die Kirche, indem er bei seiner verurteilten Gnadenlehre verharrte. Der jenem Einwand zu Grunde gelegte Vergleich findet also auf Jansenius keine Anwendung.

Noch einer anderen Erwägung begegnete ich damals im Gespräche mit einem befreundeten Hamburger Mitglied. Der Betreffende glaubte meiner Schlußfolgerung entgehen zu können, indem er kurzerhand geltend machte: als geborener protestantischer Norddeutscher fände er die von mir in der Jansenius-Angelegenheit geltend gemachten Gründe und Gesichtspunkte "zu katholisch"; er sei eben von Hause aus an eine "freiere" Auffassung gewöhnt. Ich versuchte ihm sogleich klar zu machen, daß die von ihm eingenommene Haltung ein religiöser Individualismus und Subjektivismus sei, der von vornherein der Orientierung an einer objektiven Norm der Wahrheit und Richtigkeit ausweiche. Es sei doch, machte ich weiter geltend, für einen Christen nicht die Frage entscheidend, was er wolle, sondern die andere, was Gott und Christus von ihm wolle. Darum müsse man, fuhr ich fort, mit aller Sorgfalt den Willen Gottes und seines menschgewordenen Sohnes Jesus Christus auch in der Angelegenheit einer etwa von ihm gegründeten Kirche sowie ihrer Aufgabe und Stellung in der Welt zu erforschen suchen. Tue man dies aber, so verliere die Eigenwilligkeit und Eigenmächtigkeit eines Jansenius sowie aller Schismatiker mitsamt ihren, auf "Spaltung" beruhenden, kirchlichen Neubildungen ihre Existenzberechtigung. Von dieser Schlußfolgerung werde dann auch die lib.-kath. Kirche betroffen. Als ich bei einem späteren Wiedersehen um 1935 erneut in Erinnerung an das frühere Gespräch meiner inzwischen vollends befestigten Überzeugung Ausdruck gab, die lib.-kath. Kirche schiene mir auf die Dauer ebensowenig lebensfähig wie die altkatholische, meinte der betreffende Hamburger, der inzwischen zum lib.-kath. Generalvikar ernannt war, er habe gerade beim Besuch der auswärtigen Gemeinden einen überraschend günstigen Eindruck von der inneren Regsamkeit des in ihnen herrschenden religiösen Lebens empfunden. Bald darauf aber erfolgte für Deutschland das staatliche Verbot der lib.-kath. Kirche. Diese Maßnahme wirkte auf mich wie ein symbolisches Zeichen für die Richtigkeit meiner schon seit einiger Zeit gewonnenen Einsicht in den schweren Baufehler, den das Fundament aller auf Jansenius - sowie ganz allgemein auf bischöfliche Glaubensspalter ("Schismatiker") - zurückgehenden kirchlichen Bildungen aufweist.

Aus mehr als einem aufgezeigten Grunde war also für mich wieder einmal im Zuge meiner religiösen Entwicklung der Tag gekommen, an dem es galt, Abschied zu nehmen von einem bisherigen Lebensabschnitt. Dieses Mal war der Abschied besonders schwer, so schwer wie nie zuvor. War mir doch diese kirchliche Tätigkeit mehr als irgendeine andere berufliche ans Herz gewachsen. Was könnte es auch Wichtigeres und Erhabeneres auf Erden geben - so wertvoll alle gewissenhaft ausgeübten, rein irdischen Ziele verfolgenden, andere Berufe sein mögen - als Menschen die heiligen übernatürlichen Güter des Reiches Gottes zu vermitteln und ihnen Sein Wort zu verkünden! Aber folgerichtig, wie ich bisher gewonnene Überzeugungen ausgewirkt hatte, durfte ich auch dieses Mal nicht vor einer praktischen Konsequenz zurückschrecken, trotz aller Ungewißheit, ob ich je später die gleiche, mir so lieb gewordene, Tätigkeit im Rahmen der römisch-katholischen Kirche fortsetzen könnte. Ja, auch darüber war ich anfangs noch ganz im ungewissen, ob sich die Rückkehr in die Mutterkirche ohne zu große innere wie äußere Konflikte überhaupt ermöglichen ließe. Viele finden den Weg nicht zurück in der gänzlich unbegründeten Besorgnis, es gebe im Rahmen der strengen kirchenrechtlichen Vorschriften keinen Ausweg aus dem Labyrinth ihrer Verwicklungen. Ich selbst hegte in meinem Falle auch lange solche Befürchtung, bis ich zu meiner freudigen Überraschung eines Besseren belehrt wurde (vgl. S. 100) und der anfänglich mit Zurückhaltung und Kopfschütteln - wenn nicht sogar mit einem gewissen Unwillen - aufgenommenen, sicher gut gemeinten Äußerung des P. Paschalis O.F.M., es würde schon "alles in Ordnung kommen", mehr Vertrauen schenkte. Auch durch diese Erfahrung belehrt, konnte ich später anderen in ähnlicher Lage Befindlichen und meinen Rat Suchenden einen geeigneten Weg weisen und ihren freudigen Dank nach erfolgter innerer wie äußerer Regelung entgegen nehmen.

Auf die Frage, die ich gleich bei meinem ersten Besuche an Bischof Wegdwood gerichtet hatte, welches nach seiner Meinung wohl die künftige Beziehung der lib.-kath. Kirche zur römisch-kath. sein werde, ob etwa eine Verschmelzung in Betracht käme, hatte ich die ruhige freundliche Antwort erhalten: " Ich weiß nicht." Der jüngere holländische Bischof Bonjer, der überaus leuchtende, weltoffene und kultivierte Würdenträger, aber äußerte sich zu derselben Frage: "Ich glaube, wir werden einmal einen Orden in der katholischen Kirche bilden." Vermutlich dachte er dabei an eine spätere "Inkarnation".

Mehr als einen Bischof und Priester sah ich bereits während der Zeit meiner Zugehörigkeit zur lib.-kath. Kirche ausscheiden, zuletzt einen französischen Bischof, der, wie ich hörte, erklärt habe, er spüre bei den Zeremonien innerlich nichts. (Die unveränderte Herzlichkeit, mit der er trotzdem bis zum letzten Augenblicke seiner Abfahrt von allen umgeben wurde, spiegelte in vorbildlicher Weise den wahren Geist der Brüderlichkeit wieder, dessen Zeuge ich in mehr als einem solchen oder ähnlichen Falle sein durfte. Auch ein amerikanischer Bischof, der ehedem schon in Rom ein geistliches Amt bekleidet hatte, verließ diese Reihen. Besonders interessierte mich das Ausscheiden eines geistig außerordentlich beweglichen Herrn, eines Diakon, der ein ausgezeichneter Kenner der Quellen des christlichen Altertums und zu ganz ähnlichen Bedenken wie ich selbst gekommen war, namentlich auch hinsichtlich der vielfach so willkürlich für liturgische Zwecke zusammengestellten Texte. Er ging über zu einem in Paris als Außenseiter in einer, wie ich mich gelegentlich überzeugte, schönen Kapelle wirkenden, bei seiner Gemeinde hochangesehenen, ehemaligen lib.kath. Bischof, der seinerseits an den vermeintlich theosophischen Bestandteilen der Liturgie Anstoß genommen hatte. Ein anderer Diakon, der Gesangstudien oblag, trat in den Benediktiner Orden ein. Besonderes Staunen rief der Fall eines anderen hervor, der als "Eingeweihter" galt, selbst Priester war und alle diese kirchlichen wie theosophischen Beziehungen aufgab, um ein sehr weltliches Leben zu führen. Andererseits befremdete es mich persönlich auch, daß ein feingebildeter, aufrechter und überaus gewandter, zugleich sehr kritischer Mann wie Dr. G. Arundale nach seiner Wahl zum Präsidenten der Theos. Ges. auf die Ausübung seiner bischöflichen Tätigkeit glaubte verzichten zu müssen, in der Meinung, beide Ämter vertrügen sich nicht miteinander. Das dünkte mich ein allzu großes Zugeständnis an jene Mitglieder der theos. Ges., die für ihre eigene Person auf die Zugehörigkeit zu einer Kirche verzichteten. Aus eigener Erfahrung, die ich als Leiter der deutschen Sektion sowie der Zeitschrift "Theosophische Studien" Jahre hindurch sammelte, weiß ich allerdings, welcher Zurückhaltung in kirchlicher Hinsicht es bedurfte, um bei vielen Mitgliedern nicht auf Grenzen der Duldsamkeit zu stoßen.

Einer besonderen Grenze theosophischen und liberal-katholischen Verhaltens begegnete ich zu meinem tiefsten Staunen und Schmerze zuletzt noch bei dem Manne, zu dem ich so lange mit Verehrung aufgeblickt und dem ich selbst ein besonders kostbares sakramentales Kleinod zu verdanken hatte. Als ich in der letzten Phase der Entscheidung über meine weitere Tätigkeit innerhalb der lib.-kath. Kirche angekommen war, richtete ich mitten in meinem ernsten Ringen von Rom aus, wo ich mich gerade zu Vorträgen in der Deutschen Kolonie befand, in aller Bescheidenheit (omni qua par est reverentia, wie es in kurialer Sprache heißt) zwei Fragen an den Bischof Wegdwood: die erste, ob er beim Empfange der Bischofsweihe durch Monsignore Mathew um dessen angeblich falsche, die Größe seiner Gemeinde betreffende Angaben gewußt habe; die zweite, ob er im Falle dieses Wissens sich dennoch von ihm würde haben weihen lassen. Vergeblich wartete ich auf die möglichst bald erbetene Antwort, schrieb nach etwa zwei Monaten ein zweites Mal - abermals umsonst. Wie erstaunt aber war ich erst, als ich in Hamburg von der wohlunterrichteten Seite des Generalvikars hörte, der Bischof habe mir diese Frage verübelt! Nahezu unglaublich - und doch wahr. Sunt lacrimae rerum, klagte einst schon der römische Dichter Vergil: es gibt tränenreiche Dinge und Ereignisse. Um eine sehr schmerzliche Erfahrung auf meinem Spezialgebiete der Menschenkenntnis reicher, zog ich aus dem Schweigen dieses von mir zuvor hochverehrten Mannes, den einzig möglichen Schluß, den jeder klar Denkende - auch ohne "von Beruf Philosoph" zu sein - ziehen wird, daß ich nämlich mit meinen Fragen wirklich eine "wunde Stelle" getroffen, ja, den wunden Hauptpunkt im Bereiche der lib.-kath. Kirche getroffen hatte.

Nun begann ich auch besser die Haltung jenes älteren Dresdner anglikanischen Geistlichen zu würdigen, der sich anfänglich bereit erklärt hatte, seine Kirche für ein Hochamt mit Trauung zur Verfügung zu stellen. Als er aber bei meinem persönlichen Besuche erfuhr, es handele sich nicht um eine "altkatholische", sondern eine liberal-katholische Gruppe, zog er seine Bereitwilligkeit zurück und sagte mit einem etwas komisch wirkenden, überfeierlich strengen Gesichtsausdruck: You are liberal-catholic? Than it is impossible, I am sorry. Ich nahm dieses "lebhafte Bedauern" gelassen zur Kenntnis, erlaubte mir allerdings die Frage, warum die Benutzung seiner Kirche durch uns nun eigentlich mit einem Male unmöglich sei. Er nannte nun den Namen Mathew, der mir als solcher nicht unbekannt war, und meinte auf meinen fragenden weiteren Ausdruck des Erstaunens, ich wisse doch wohl, wie es sich mit ihm und seiner Bischofsweihe verhalten habe. Ich konnte dies mit gutem Gewissen verneinen, begab mich aber alsbald umsomehr auf den Weg der Nachprüfung, als auch von seiten der deutschen Altkatholiken der "Fall Mathew" gegen die lib.-kath. Kirche geltend gemacht zu werden pflegte. Mag dieser nun immerhin vor dem Empfange seiner Bischofsweihe in Utrecht die Größe der in England hinter ihm stehenden Gemeinde übertrieben oder falsch angegeben haben, so hat dies - nach allgemeiner alter kirchlicher Auffassung -  mit der sakramentalen Gültigkeit seiner Weihe und aller von dieser abhängigen späteren Weihen nichts zu tun, bleibt vielmehr eine ethische Angelegenheit für sich.

Zum Beschluß dieses Kapitels ist ein Hinweis darauf angezeigt, daß bereits die Bischöfe Mathew und Willougby - sozusagen als "Vorläufer" - kurz vor ihrem Tode den Übertritt zur römisch-katholischen Kirche vollzogen. Sie taten damit desselbe, wie im 19. Jhrh. das Dreigestirn ehemaliger Anglikaner und späterer katholischer Kardinäle Johann Henry Newmann (1801 bis 20), Nikolaus Wisemann (1802-65) und Edward Manning (1808-92) sowie andere Mitglieder der anglikanischen Kirche, zu deren Haupte sich einst der unselige Heinrich VIII. aufgrund seines Konfliktes mit Rom eigenmächtig ernannt hatte. Praeludierten nicht Fälle solcher "Heimkehr" meine eigene? War es nicht zuletzt dieselbe "Dialektik des Geistes" - in philosophischer Fachsprache geredet - d.h. dieselbe innere Gesetzlichkeit folgerichtiger Überlegungen und der aus ihnen gezogenen Folgerungen, die sich dort wie hier auswirkte? Welcher aufmerksame Leser dieses Lebensberichtes wird umhinkönnen, eine solche Frage zu bejahen? Vielleicht werden sogar etliche unter ihnen zu einer Überprüfung ihrer eigenen bisherigen religiösen Entwicklung angeregt, zumal wenn sie die im Schlußkapitel gezogene "Bilanz" einer gebührenden Aufmerksamkeit würdigen.