Am 20.Februar 1914 verließ Leadbeater Indien Richtung
Neuseeland und Australien. Ob er wirklich Indien verließ, um außerhalb von
Annie Besants Sphäre und losgelöst von ihrem politischen Engagement einen
neuen Wirkungskreis zu errichten, wie Tillett vermutet, ist eine unbewiesene
Spekulation. Leadbeater blieb auch weiterhin eng mit allem in der
Gesellschaft in Indien und Europa verbunden, wenngleich der Höhepunkt seines
"theosophischen" Schaffens, auch seiner schriftstellerischen Arbeit,
überschritten war.
Leadbeater ließ sich in Sydney nieder, wo sein Hauptquartier
(The Manor) sich: zu einem Zentrum spiritueller Arbeit entwickelte und bis
zum heutigen Tag blieb. In der Anfangszeit des Wirkens in Australien spielte
der englische Theosoph James I. Wedgwood eine wesentliche Rolle. Er war es,
der Leadbeater am 12.6.1915 in die Co-Freimaurerei aufnahm, und Wedgwood
sollte auch eine bedeutende Rolle im Zusammenhang mit der
Liberal-Katholischen-Kirche spielen.
Im Februar 1916 war Leadbeater nach London gereist, wo
Wedgwood am 15.2.1916 in. der Alt-Katholischen Kirche zum Priester geweiht
wurde. Die Alt-Katholische-Kirche geht in ihren Ursprüngen auf die
Jansenisten Hollands und Belgiens zurück, die sich in der Mitte des 18.
Jahrhunderts von Rom abspalteten. Nach der Verkündung des
Unfehlbarkeits-Dogmas durch Pius IX., im Jahre 1870, schloß sich ihr auch
eine radikale Gruppe deutscher Katholiken an, die. das neue päpstliche Dogma
ablehnten. Es ist hier nicht der Platz, ausführlich die umstrittene Frage
der "Gültigkeit der Weihen" seitens der späteren Liberal-Katholischen-Kirche
zu diskutieren, doch erscheint, kirchenrechtlich betrachtet, der Anspruch zu
Recht zu bestehen.
Durch Rückkehr etlicher Bischöfe in den Schoß Roms sah sich
Wedgwood schon bald in der Position des Bischofs der Alt-Katholischen-Kirche
für Großbritannien. Leadbeater trat der Alt-Katholischen-Kirche 1916 bei und
wurde am 22.Juli 1916 von Wedgwood zum Regionalbischof von Australien
geweiht. Auf einem Synodaltreffen, am 6.9.1918, änderten die Synodalen den
Namen in "Liberal-Katholische-Kirche", den sie bis auf den heutigen Tag
führt. Leadbeater und Wedgwood gestalteten eine neue Liturgie und sahen in
der Liberal-Katholischen-Kirche zudem ein neues Werkzeug für ihre
theosophische Arbeit; wenngleich Leadbeater immer eine gewisse Skepsis
Wedgwood gegenüber behielt, die er in einem Brief vom 15.8.1913 einmal
dahingehend formuliert hatte, daß er bezweifele, Wedgwood würde zu einem
Eingeweihten heranreifen.
Leadbeater ist zu Lebzeiten, aber auch in den Jahren danach,
von Seiten bestimmter theosophischer Gruppierungen wegen seines Engagements
für die Freimaurerei und die Liberal-Katholische-Kirche heftig angegriffen
worden. Richtig ist, daß sich diese beiden Zweige weit vom ursprünglichen
Stamm der Theosophie entfalteten; falsch jedoch ist, daß Leadbeater beide in
irgendeiner Weise als verbindlich zur Theosophischen Gesellschaft gehörend
erklärte. Im Gegenteil, in einer schriftlichen Stellungnahme, als Antwort
auf die Vorwürfe von Martyn, dem Generalsekretär der Theosophischen
Gesellschaft von Sydney, erklärte er: "Die beiden Organisationen (Theos.
Gesells. und Lib.K.Kirche) haben überhaupt nichts miteinander zutun." Und im
Januar 1926 veröffentlichte Annie Besant einen privaten Brief Leadbeaters zu
diesem Thema: "Immer und immer wieder habe ich den Leuten hier erklärt, dass
es nicht im geringsten erwartet wird, daß sie der Kirche oder der
Co-Freimaurerei beitreten; wenn sie nicht das Gefühl haben. dies seien für
sie sinnvolle Betätigungsfelder; aber ich habe manch mal hinzugefügt, daß so
wie wir von unseren theosophischen Freunden kein Engagement für diese Arbeit
einfordern, sie umgekehrt Toleranz für unser Engagement aufbringen sollten.
Ich denke, sie könnten sagen: "Ich fühle mich in keiner Weise
zur Co-Freimaurerei oder den kirchlichen Zeremonien hingezogen; andererseits
erkenne ich, daß es Menschen gibt, für deren persönliche Wesensart diese
sehr hilfreich sind, und so enthalte ich mich jeglicher Kritik und gebe
ihnen meine guten Wünsche auf diesem Weg. Ich habe immer wiederbetont, daß
die Theosophische Gesellschaft mit ihrer philosophischen Präsentation der
Wahrheit fortfahren wird, wenn möglich kraftvoller als je zuvor; und diese
neuen Wege ausschließlich unterschiedliche Formen darstellen, um
theosophische Wahrheiten zu verdeutlichen, für gewisse Personen passend,
aber nicht für alle." Wieder einmal erwies sich Leadbeater als
liberalerer Geist als viele seiner Zeitgenossen. Er forderte mit Recht jene
Toleranz ein, die er selbst gewährte. Die Theosophische Gesellschaft steht,
von ihrem Ansatz her, offen für alle Gruppierungen, solange sie nicht
versuchen, im Gegenzug ihre jeweiligen geistigen Überzeugungen als
verbindliche Theosophie darzustellen, da es diese, jenseits der drei großen
Ziele der Gesellschaft, nicht geben kann.
Festzuhalten bleibt allerdings, und hier stellen die
persönlichen Erinnerungen von Emily Lutyens eine wertvolle Quelle dar, daß
sich zwischen den Jahren 1912 und 1916 ein entscheidender Wandel in
Leadbeater vollzog. Emily Lutyens erinnerte sich an Leadbeaters Verärgerung
über einen gewissen "okkulten Zirkus" im Zusammenhang mit dem "Tempel des
Rosen-kreuzes", in dem neben Marie Russak auch Wedgwood beteiligt war. "Er
spottete über Leute, die sich hinter verschlossenen Türen der Durchführung
geheimer Riten widmeten Es ist seltsam, sich daran zu erinnern, wenn man
seine spätere Begeisterung für die Liberal-Katholische Kirche und die
Co-Freimaurerei mit ihren ausgefeilten Ritualen bedenkt." Vielleicht war es
ein in letzter Konsequenz nicht völliges Ablösen von der Anglikanischen
Kirche sowie die Erinnerung an alte freimaurerische Lebenszyklen, die diese
Veränderung bewirkten.
Leadbeater leitet sein Werk über die Freimaurerei mit einer
sehr persönlichen Erfahrung ein "Als ich in meinem jetzigen Leben in die
Freimaurerei eingeweiht wurde, war mein erster Blick auf die Loge eine große
und angenehme Überraschung, denn ich fand, daß mir alle Einrichtungen
vollkommen vertraut waren und mit jenen übereinstimmten, die ich vor
sechstausend Jahren in den Mysterien Ägyptens kannte." Jene alten ägyptische
Riten blieben, nach Leadbeaters Überzeugung, bis in die Gegenwart weitgehend
unverändert erhalten und erfüllen noch immer ihre geistige Aufgabe. Ursache
dafür ist die spirituelle Unterstutzung seitens der geistigen Hierarchie und
der amtierenden Meister der Weisheit. "Diese Aufgabe lag stets in der Hand
des Chohans des Siebenten Strahles, denn das ist der Strahl, der mit der
zeremoniellen Arbeit aller Art ganz besonders verknüpft ist und dessen
Oberhaupt stets der höchste Einweiher (Hierophant) der Mysterien des alten
Ägyptens war. Dieses Amt hat jetzt jener Meister der Weisheit inne, von dem
wir oft als dem Grafen von St Germain sprechen, weil er unter diesem Namen
im 18.Jahrhundert auftrat. Manchmal wird er auch Fürst Rakóczi genannt, da
er der letzte Überlebende jenes königlichen Hauses ist. Es ist mir nicht
genau bekannt, wann er mit der Leitung des zeremoniellen Strahles betraut
wurde, doch nahm er schon im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ein
hervorragendes Interesse an der Freimaurerei." Seitens St Germains erhielt
Leadbeater, so seine eigene Aussage, den Auftrag, die Freimaurerei der Zeit
anzupassen, einige verfälschte Rituale zu reinigen und sie auch für Frauen
zugänglich zu machen. Leadbeater widmete sich dieser Aufgabe mit der ihm
eigenen Begeisterung und Sorgfalt, und noch die Feierlichkeiten zum Tode von
Annie Besant, nur wenige Monate bevor er selbst seinen Körper ablegte,
zeigen ihn in vollständiger maurerischer Gewandung und Ausrüstung.
War die Freimaurerei eher ein ‘esoterischer‘ Weg, so sah
Leadbeater die Liberal-Katholische-Kirche als bedeutsam für breite
Schichten. Da er den "siebten Strahl" als zukunftsweisend ansah und die
Liberal-Katholische-Kirche als Instrument für diesen, gehörte ihr demzufolge
die Zukunft. Zugleich sollte sie auch eine Rolle beim "Kommen des
Weltlehrers" spielen, was sich allerdings später als Fehlannahme
herausstellte. Dies wurde spätestens im Frühjahr 1922 unübersehbar, als
Krishnamurti bei Leadbeater in Sydney weilte. In einem vertraulichen Brief
schrieb er an Emily Lutyens: „Am Sonntag ging ich in die LKK. Leadbeater war
der amtierende Priester. Er machte alles sehr gut, aber wie Sie wissen, bin
ich kein Anhänger von Zeremonien & mir ist all dieses Drum und Dran mit all
diesen Gebeten & dem ewigen Aufstehen & Hinsetzen und den Gewändern etc.
zuwider. Ich werde das aber nicht attackieren, manche Leute mögen es so,
also was habe ich für ein Recht, es zu attackieren oder schlecht zu finden!
Die Kirche dauerte 2½ Stunden & ich wurde fast ohnmächtig vor Langeweile.
Ich fürchte, man sah es mir an. Ich muß mich in acht nehmen, sonst
mißverstehen sie mich & es gibt Verdruß. Sie sind wie Hund & Katze mit
dieser Kirchensache. Auf alle Fälle aber sind sie Narren. Ihr Übereifer &
Mangel an Takt sind die Ursachen allen Ärgers hier." In seiner
eigenen Kommentierung von Krishnamurtis Erstlingswerk "Zu Füßen des
Meisters" hätte Leadbeater schon den entscheidenden Hinweis finden den
können "Aber der Meister prägte ihm stark ein „Denke daran, daß keine
Zeremonien nötig sind “" Es wird noch auf diese Passage zurückzukommen sein.
Leadbeater widmete sich nach seiner Aufnahme in die
Liberal-Katholische-Kirche intensiv dem Studium der Sakramente und ihrer
Auswirkungen auf der feinstofilichen Ebene. Er sah in den Gottesdiensten ein
zweifaches Ziel "Die große Ausgießung der geistigen Kraft zu empfangen und
diese zu verteilen und die Hingebung der Menschen zu sammeln und vor dem
Throne Gottes darzubringen." Erstaunlicherweise sah Leadbeater die
Authentizität des sakramentalen Segens nur im katholischen Ritual gegeben
Nur das ursprüngliche Ritual, das er tatsachlich als von Rom wahrheitsgemäß
bewahrt ansah, vermochte in voller Reinheit den göttlichen Segen zu
manifestieren. "Der Gottesdienst der anglikanischen Kirche ist arg verkürzt
und verstümmelt worden, offenbar hatten die sogenannten Reformatoren nicht
die geringste Ahnung von der wirklichen Aufgabe dieses großartigen Rituals,
das sie in seiner Wirkung so mitleidlos gelähmt haben Wenn daher auch die
Weihen der anglikanischen Kirche gültig sind und ihre Priester so die Macht
haben, aus dem großen Reservoir geistiger Kraft zu schöpfen, so ist doch das
Gedankengebäude, das sie zu deren Aufnahme und Verteilung errichten,
bedenklich mangelhaft und seinem Zwecke schlecht angepasst. Zwar wird
dadurch das Ausströmen der Kraft nicht verhindert, wohl aber wird die für
die Ausstrahlung zur Verfugung stehende Kraft verringert, weil die helfenden
Engel viel Kraft auf den Aufbau des Mechanismus verwenden müssen, der von
uns hätte für sie vorbereitet werden sollen Das Opfer der heiligen
Eucharistie hat nun den Zweck, eine besondere Gelegenheit dafür zu bieten,
daß die göttliche Kraft aus den allerhöchsten Sphären herabströme, und eine
Form hierfür vorzusehen, die es den helfenden Engeln ermöglicht diese Kraft
für bestimmte Zwecke in unserer physischen Welt zu verwenden." Ein nach
spirituell korrekten Gesetzmäßigkeiten durchgeführter Gottesdienst bewirkte,
so Lealbeaters Beobachtungen, in der geistigen Welt den Aufbau einer
Gedankenform von einmaliger Schönheit, der auf Erden etwa mit der Hagia
Sophia vergleichbar wäre. Der Hellseher könne erkennen, wie ein-strahlend
blauer Kegel aus höchster Astralmaterie gleich einer Turmspitze oder Kuppel
aufwärts gen Himmel schießt, weit über sein Abbild in Stein hinaus, das oft
das physische Gebäude krönt, in dem die Andächtigen versammelt sind.
Er würde dann die blendende Glorie erschauen, die durch die Form
niederströmt und sich gleich einer gewaltigen Flut lebendigen Lichtes über
die ganze Umgebung ergießt Die Öffnung, durch die das höhere Leben
einströmt, wird durch den Durchmesser und die Höhe der -Andachtsform
bestimmt, während von der Kraft; die sich in der Geschwindigkeit, mit der
die Energie der Hingebung und Andacht aufwärts schießt, ausdrückt, die
Geschwindigkeit abhängt, mit der die entsprechende Kraft
niederströmen kann Der Anblick ist ein wundervoller, wer jemals ein
derartiges gesehen -hat, kann- nie mehr daran zweifeln, daß die unsichtbaren
Einflüsse wichtiger sind als die sichtbaren; auch kann er nicht umhin
einzusehen, daß die Welt, die achtlos an dem andächtigen Menschen vorbeigeht
oder ihn gar verachtet, ihm all die Zeit weit mehr schuldet, als ihr selbst
bewußt ist."
Im Zusammenhang mit der Feier der Eucharistie versucht
Leadbeater die Frage zu klären, wie die Allgegenwart Christi bei der
Wandlung zu verstehen sei. "Viele, die diese Dinge studieren, haben gefragt,
ob es denn möglich sei, daß die Aufmerksamkeit des Herrn, auch wenn Tausende
von Messen gleichzeitig gelesen werden, auf jede einzelne gerichtet sein
kann, und, wenn dies der Fall ist, in welchem Sinne und bis zu welchem Grade
dies erfolge. Unsere Kenntnis dieser Dinge reicht nicht aus, eine bis in
Einzelheiten gehende Antwort auf diese Frage zu geben, doch steht es
außerhalb jeden Zweifels, daß eine völlige und sofortige Antwort auf jede
Anrufung erfolgt. Es gibt auf viel niederen Ebenen in unserem Gesichtskreis
Tatsachen, die uns die Art und Weise, entsprechend welchen dieses scheinbare
Wunder erklärt werden könnte, vermuten lassen. Immer und immer wieder ist
bewiesen worden, daß das Bewußtsein eines Egos vollständig und gleichzeitig
im Himmelsleben hunderter verschiedener Leute anwesend sein kann, ohne im
geringsten die Tätigkeit dieses Egos in seiner Persönlichkeit im physischen
Leben zu stören; wenn dies nun von einem gewöhnlichen, menschlichen Leben
gesagt werden kann, so besteht wohl keine Schwierigkeit, sich vorzustellen,
daß das Bewußtsein unseres Herrn eine unendlich größere Fähigkeit gleicher
Art besitzt. Persönlich glaube ich, und ich spreche in tiefster Verehrung
und Demut, daß Christus von allem Kenntnis hat, gewissermaßen in Seinem
Unterbewußtsein weiß, was in Seinen Kirchen vorgeht. Ich bin nicht der
Meinung, daß ER, in unserem Sinne des Wortes, jedem der Tausende oder
Millionen Altäre "Seine Aufmerksamkeit zuwendet"; doch ist für Ihn
Aufmerksamkeit etwas viel Höheres als für uns. Jene Aufmerksamkeit, die ER
durch Seine vielen tausend Engel jedem Altare zuwenden kann, ist
wahrscheinlich ebenso groß als unsere, wenn wir uns mit aller Kraft
konzentrieren würden: was wir Seine konzentrierte Aufmerksamkeit nennen
würden, geht weit über unser jetziges Begriffsvermögen hinaus."
Es verdient als nicht uninteressante Pointe festgehalten zu werden, daß
kirchliche Kreise, die sich nicht scheuten, einmal ein Blatt mit Leadbeater
als "Anti-Christ" zu zieren, seine Forschungen über die Sakramente mit
höchstem Interesse lasen. Enger als in seinem Werk "Die Wissenschaft der
Sakramente" kamen Theosophie und Kirche nie wieder zusammen.
Leadbeater berichtete später, er habe bestimmte Beobachtungen
zur Wirkung der Sakramente bereits lange vor seiner Verbindung zur
Liberal-Katholischen-Kirche gemacht. Die ist nachweisbar, da bereits in der
deutschen theosophischen Zeitschrift "Theosophie" im Jahr 1912 ein Artikel
erschien, dem eine englische Originalveröffentlichung zu Grunde gelegen
haben muß, in dem Leadbeater exakt die gleiche Beobachtung schildert, die
dann später in "Die Wissenschaft der Sakramente" abgedruckt wurde. "Zum
erstenmale wurde meine Aufmerksamkeit durch die Beobachtung der Wirkung
wachgerufen, die die Zelebrierung einer Messe in einem kleinen Dorfe in
Sizilien hervorbrachte. Diejenigen, die diese wunderschöne Insel kennen,
werden wissen, daß man dort nicht die intellektuellste Form der
römisch-katholischen Kirche antrifft und weder die Priester noch auch die
Menschen könnte man als besonders hoch entwickelt bezeichnen; und doch war
die ganz alltägliche Feier der Messe eine großartige Darstellung der
Anwendung okkulter Kraft.
In dem Augenblick der Konsekration erglühte die Hostie in
blendendstem Glanze und wurde tatsächlich für das Auge des Hellsehers eine
wahre Sonne. Als der Priester sie dann über die Köpfe der Gemeinde emporhob,
bemerkte ich zwei ganz verschiedene Arten spiritueller Kraft, die von ihr
ausstrahlten und die man vielleicht dem Sonnenlichte und den Strahlen der
Korona ungefähr vergleichen könnte. Die erste Kraft strahlte gleichmäßig auf
alle Menschen aus; sie durchdrang sogar die Wände der Kirche, als ob
dieselben nicht vorhanden wären, und beeinflußte einen bedeutenden Teil der
umgebenden Landschaft." Auch in der Taufe sah Leadbeater ein
Geschehen von erheblichen geistigen Auswirkungen. Die Verbindung des
Täuflings mit einem "Schutzengel" sowie die Belebung der Chakras des
Neugeborenen entsprachen keinem frommen Fürwahrhalten, sondern geistigen
Gesetzmäßigkeiten.
Leadbeater maß den sakramentalen Handlungen hohe Bedeutung
bei, doch er war sich als Theosoph natürlich bewußt, daß in der Messe aus
einem "Teufel kein Engel wurde". Die karmischen Strukturen blieben erhalten,
doch sie konnten mit neuer geistiger Energie bewältigt werden, wenn man sich
zu diesem Weg hingezogen fühlte.
In der Fortsetzung seines Kommentars zu Krishnamurtis "Zu
Füßen des Meisters", der in diesem Abschnitt schon angesprochen wurde,
forderte Leadbeater selbst die beiden Seiten (Zeremonialisten und
Anti-Zeremonialisten) zum gegenseitigen Respekt auf. "Es ist ein nie
endender Streit, gerade weil beide Teile recht haben, und in einer Art beide
unrecht; unrecht wenn sie ihre spezielle Methode für unbedingt nötig halten,
und recht, wenn sie sie für die Methode halten, die am besten für sie und
Tausende andrer paßt. So daß die, die die Zeremonie, die Statue, das Bild,
die Manifestation der physischen Ebene nötig finden, zu einem bestimmten
Typus gehören, einem sehr alten und edlen Typus, einem der Sieben Großen
Strahlen, an deren Spitze einer der Sieben Großen Geister vor dem Throne
Gottes steht. Und diejenigen, die diese Dinge eher störend und zerstreuend
finden, folgen auch ihrer eignen Richtlinie Sie gehören zu einem andern
Strahl und einem andern Typus, und jeder von diesen hat ein weites Feld für
seine Anhänger, ebenso wie er natürlich auch seine Gefahren hat." Leadbeater
war offensichtlich ein gutes Beispiel für diese Toleranz, und er könnte, mit
bestem britischen Humor, auch sich selbst karikieren. Anläßlich einer
Überfahrt von Australien nach Indien konnte man ihn nur mit Mühe und unter
Hinweis auf das völlige Unverständnis seitens katholischer und
anglikanischer Mitreisender davon abbringen, auf einer Verkleidungsparty an
Bord in seinem vollen Bischofsornat mit Kreuz und Mitra zu erscheinen. Es
bedarf einer nicht unerheblichen Souveränität, um sich so zu verhalten!
Jenen, die trotzdem den Streit suchten und mit
Starrköpfigkeit auf der Position ihrer ‘Wahrheit‘ verharrten, erzählte
Leadbeater gerne eine, kleine Geschichte aus dem Talmud. "Erinnern Sie sich
an die Geschichte von Abraham im Talmud. Es wird da erzählt, daß Abraham
einst einen Mann in der Wüste empfing und im Begriff war, ihm Speise und
Trank zu reichen, wie man es natürlich jedem tun würde, der in der Wüste
daherkommt. Abraham forderte ihn auf, Gott zu loben, ehe er äße, und als er
sich weigerte und sagte, er wisse nichts von Gott, da erhob sich Abraham
zornig, warf ihn aus dem Zelte hinaus und gab ihm gar nichts. Dann kam der
Herr, wie Er es scheinbar in jenen Tagen zu tun pflegte, und sagte:
"Warum schickst Du ihn weg?" Abraham sagte mit großer Entrüstung: "Herr, er
weigerte sich, Deinen Namen anzuerkennen. Er ist ein Ungläubiger schlimmster
Art." "Ja", sagte Gott, "aber Ich habe sechzig Jahre lang Geduld mit ihm
gehabt, also. kannst Du wohl eine Stunde lang‘ Geduld mit ihm haben."
Aus dieser Geschichte kann man viel lernen."