Stand 23.01.2008

 

 

 

CHARLES W. LEADBEATER

MIT DEN AUGEN DES GEISTES

DIE BIOGRAPHIE EINES GROSSEN EINGEWEIHTEN

Von Peter Michel

Aquamarin Verlag GmbH 1. Auflage 1998

 

 

Das Leben

Kapitel 6

 

 

Freimaurerei und Liberal-Katholische-Kirche

 

 

Am 20.Februar 1914 verließ Leadbeater Indien Richtung Neuseeland und Australien. Ob er wirklich Indien verließ, um außerhalb von Annie Besants Sphäre und losgelöst von ihrem politischen Engagement einen neuen Wirkungskreis zu errichten, wie Tillett vermutet, ist eine unbewiesene Spekulation. Leadbeater blieb auch weiterhin eng mit allem in der Gesellschaft in Indien und Europa verbunden, wenngleich der Höhepunkt seines "theosophischen" Schaffens, auch seiner schriftstellerischen Arbeit, überschritten war.

Leadbeater ließ sich in Sydney nieder, wo sein Hauptquartier (The Manor) sich: zu einem Zentrum spiritueller Arbeit entwickelte und bis zum heutigen Tag blieb. In der Anfangszeit des Wirkens in Australien spielte der englische Theosoph James I. Wedgwood eine wesentliche Rolle. Er war es, der Leadbeater am 12.6.1915 in die Co-Freimaurerei aufnahm, und Wedgwood sollte auch eine bedeutende Rolle im Zusammenhang mit der Liberal-Katholischen-Kirche spielen.

Im Februar 1916 war Leadbeater nach London gereist, wo Wedgwood am 15.2.1916 in. der Alt-Katholischen Kirche zum Priester geweiht wurde. Die Alt-Katholische-Kirche geht in ihren Ursprüngen auf die Jansenisten Hollands und Belgiens zurück, die sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts von Rom abspalteten. Nach der Verkündung des Unfehlbarkeits-Dogmas durch Pius IX., im Jahre 1870, schloß sich ihr auch eine radikale Gruppe deutscher Katholiken an, die. das neue päpstliche Dogma ablehnten. Es ist hier  nicht der Platz, ausführlich die umstrittene Frage der "Gültigkeit der Weihen" seitens der späteren Liberal-Katholischen-Kirche zu diskutieren, doch erscheint, kirchenrechtlich betrachtet, der Anspruch zu Recht zu bestehen.

Durch Rückkehr etlicher Bischöfe in den Schoß Roms sah sich Wedgwood schon bald in der Position des Bischofs der Alt-Katholischen-Kirche für Großbritannien. Leadbeater trat der Alt-Katholischen-Kirche 1916 bei und wurde am 22.Juli 1916 von Wedgwood zum Regionalbischof von Australien geweiht. Auf einem Synodaltreffen, am 6.9.1918, änderten die Synodalen den Namen in "Liberal-Katholische-Kirche", den sie bis auf den heutigen Tag führt. Leadbeater und Wedgwood gestalteten eine neue Liturgie und sahen in der Liberal-Katholischen-Kirche zudem ein neues Werkzeug für ihre theosophische Arbeit; wenngleich Leadbeater immer eine gewisse Skepsis Wedgwood gegenüber behielt, die er in einem Brief vom 15.8.1913 einmal dahingehend formuliert hatte, daß er bezweifele, Wedgwood würde zu einem Eingeweihten heranreifen.

Leadbeater ist zu Lebzeiten, aber auch in den Jahren danach, von Seiten bestimmter theosophischer Gruppierungen wegen seines Engagements für die Freimaurerei und die Liberal-Katholische-Kirche heftig angegriffen worden. Richtig ist, daß sich diese beiden Zweige weit vom ursprünglichen Stamm der Theosophie entfalteten; falsch jedoch ist, daß Leadbeater beide in irgendeiner Weise als verbindlich zur Theosophischen Gesellschaft gehörend erklärte. Im Gegenteil, in einer schriftlichen Stellungnahme, als Antwort auf die Vorwürfe von Martyn, dem Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft von Sydney, erklärte er: "Die beiden Organisationen (Theos. Gesells. und Lib.K.Kirche) haben überhaupt nichts miteinander zutun." Und im Januar 1926 veröffentlichte Annie Besant einen privaten Brief Leadbeaters zu diesem Thema: "Immer und immer wieder habe ich den Leuten hier erklärt, dass es nicht im geringsten erwartet wird, daß sie der Kirche oder der Co-Freimaurerei beitreten; wenn sie nicht das Gefühl haben. dies seien für sie sinnvolle Betätigungsfelder; aber ich habe manch mal hinzugefügt, daß so wie wir von unseren theosophischen Freunden kein Engagement für diese Arbeit einfordern, sie umgekehrt Toleranz für unser Engagement aufbringen sollten.

Ich denke, sie könnten sagen: "Ich fühle mich in keiner Weise zur Co-Freimaurerei oder den kirchlichen Zeremonien hingezogen; andererseits erkenne ich, daß es Menschen gibt, für deren persönliche Wesensart diese sehr hilfreich sind, und so enthalte ich mich jeglicher Kritik und gebe ihnen meine guten Wünsche auf diesem Weg. Ich habe immer wiederbetont, daß die Theosophische Gesellschaft mit ihrer philosophischen Präsentation der Wahrheit fortfahren wird, wenn möglich kraftvoller als je zuvor; und diese neuen Wege ausschließlich unterschiedliche Formen darstellen, um theosophische Wahrheiten zu verdeutlichen, für gewisse Personen passend, aber nicht für alle." Wieder einmal erwies sich Leadbeater als liberalerer Geist als viele seiner Zeitgenossen. Er forderte mit Recht jene Toleranz ein, die er selbst gewährte. Die Theosophische Gesellschaft steht, von ihrem Ansatz her, offen für alle Gruppierungen, solange sie nicht versuchen, im Gegenzug ihre jeweiligen geistigen Überzeugungen als verbindliche Theosophie darzustellen, da es diese, jenseits der drei großen Ziele der Gesellschaft, nicht geben kann.

Festzuhalten bleibt allerdings, und hier stellen die persönlichen Erinnerungen von Emily Lutyens eine wertvolle Quelle dar, daß sich zwischen den Jahren 1912 und 1916 ein entscheidender Wandel in Leadbeater vollzog. Emily Lutyens erinnerte sich an Leadbeaters Verärgerung über einen gewissen "okkulten Zirkus" im Zusammenhang mit dem "Tempel des Rosen-kreuzes", in dem neben Marie Russak auch Wedgwood beteiligt war. "Er spottete über Leute, die sich hinter verschlossenen Türen der Durchführung geheimer Riten widmeten Es ist seltsam, sich daran zu erinnern, wenn man seine spätere Begeisterung für die Liberal-Katholische Kirche und die Co-Freimaurerei mit ihren ausgefeilten Ritualen bedenkt." Vielleicht war es ein in letzter Konsequenz nicht völliges Ablösen von der Anglikanischen Kirche sowie die Erinnerung an alte freimaurerische Lebenszyklen, die diese Veränderung bewirkten.

Leadbeater leitet sein Werk über die Freimaurerei mit einer sehr persönlichen Erfahrung ein "Als ich in meinem jetzigen Leben in die Freimaurerei eingeweiht wurde, war mein erster Blick auf die Loge eine große und angenehme Überraschung, denn ich fand, daß mir alle Einrichtungen vollkommen vertraut waren und mit jenen übereinstimmten, die ich vor sechstausend Jahren in den Mysterien Ägyptens kannte." Jene alten ägyptische Riten blieben, nach Leadbeaters Überzeugung, bis in die Gegenwart weitgehend unverändert erhalten und erfüllen noch immer ihre geistige Aufgabe. Ursache dafür ist die spirituelle Unterstutzung seitens der geistigen Hierarchie und der amtierenden Meister der Weisheit. "Diese Aufgabe lag stets in der Hand des Chohans des Siebenten Strahles, denn das ist der Strahl, der mit der zeremoniellen Arbeit aller Art ganz besonders verknüpft ist und dessen Oberhaupt stets der höchste Einweiher (Hierophant) der Mysterien des alten Ägyptens war. Dieses Amt hat jetzt jener Meister der Weisheit inne, von dem wir oft als dem Grafen von St Germain sprechen, weil er unter diesem Namen im 18.Jahrhundert auftrat. Manchmal wird er auch Fürst Rakóczi genannt, da er der letzte Überlebende jenes königlichen Hauses ist. Es ist mir nicht genau bekannt, wann er mit der Leitung des zeremoniellen Strahles betraut wurde, doch nahm er schon im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ein hervorragendes Interesse an der Freimaurerei." Seitens St Germains erhielt Leadbeater, so seine eigene Aussage, den Auftrag, die Freimaurerei der Zeit anzupassen, einige verfälschte Rituale zu reinigen und sie auch für Frauen zugänglich zu machen. Leadbeater widmete sich dieser Aufgabe mit der ihm eigenen Begeisterung und Sorgfalt, und noch die Feierlichkeiten zum Tode von Annie Besant, nur wenige Monate bevor er selbst seinen Körper ablegte, zeigen ihn in vollständiger maurerischer Gewandung und Ausrüstung.

 

War die Freimaurerei eher ein ‘esoterischer‘ Weg, so sah Leadbeater die Liberal-Katholische-Kirche als bedeutsam für breite Schichten. Da er den "siebten Strahl" als zukunftsweisend ansah und die Liberal-Katholische-Kirche als Instrument für diesen, gehörte ihr demzufolge die Zukunft. Zugleich sollte sie auch eine Rolle beim "Kommen des Weltlehrers" spielen, was sich allerdings später als Fehlannahme herausstellte. Dies wurde spätestens im Frühjahr 1922 unübersehbar, als Krishnamurti bei Leadbeater in Sydney weilte. In einem vertraulichen Brief schrieb er an Emily Lutyens: „Am Sonntag ging ich in die LKK. Leadbeater war der amtierende Priester. Er machte alles sehr gut, aber wie Sie wissen, bin ich kein Anhänger von Zeremonien & mir ist all dieses Drum und Dran mit all diesen Gebeten & dem ewigen Aufstehen & Hinsetzen und den Gewändern etc. zuwider. Ich werde das aber nicht attackieren, manche Leute mögen es so, also was habe ich für ein Recht, es zu attackieren oder schlecht zu finden! Die Kirche dauerte 2½ Stunden & ich wurde fast ohnmächtig vor Langeweile. Ich fürchte, man sah es mir an. Ich muß mich in acht nehmen, sonst mißverstehen sie mich & es gibt Verdruß. Sie sind wie Hund & Katze mit dieser Kirchensache. Auf alle Fälle aber sind sie Narren. Ihr Übereifer & Mangel an Takt sind die Ursachen allen Ärgers hier." In seiner eigenen Kommentierung von Krishnamurtis Erstlingswerk "Zu Füßen des Meisters" hätte Leadbeater schon den entscheidenden Hinweis finden den können "Aber der Meister prägte ihm stark ein „Denke daran, daß keine Zeremonien nötig sind “" Es wird noch auf diese Passage zurückzukommen sein.

 

Leadbeater widmete sich nach seiner Aufnahme in die Liberal-Katholische-Kirche intensiv dem Studium der Sakramente und ihrer Auswirkungen auf der feinstofilichen Ebene. Er sah in den Gottesdiensten ein zweifaches Ziel "Die große Ausgießung der geistigen Kraft zu empfangen und diese zu verteilen und die Hingebung der Menschen zu sammeln und vor dem Throne Gottes darzubringen." Erstaunlicherweise sah Leadbeater die Authentizität des sakramentalen Segens nur im katholischen Ritual gegeben Nur das ursprüngliche Ritual, das er tatsachlich als von Rom wahrheitsgemäß bewahrt ansah, vermochte in voller Reinheit den göttlichen Segen zu manifestieren. "Der Gottesdienst der anglikanischen Kirche ist arg verkürzt und verstümmelt worden, offenbar hatten die sogenannten Reformatoren nicht die geringste Ahnung von der wirklichen Aufgabe dieses großartigen Rituals, das sie in seiner Wirkung so mitleidlos gelähmt haben Wenn daher auch die Weihen der anglikanischen Kirche gültig sind und ihre Priester so die Macht haben, aus dem großen Reservoir geistiger Kraft zu schöpfen, so ist doch das Gedankengebäude, das sie zu deren Aufnahme und Verteilung errichten, bedenklich mangelhaft und seinem Zwecke schlecht angepasst. Zwar wird dadurch das Ausströmen der Kraft nicht verhindert, wohl aber wird die für die Ausstrahlung zur Verfugung stehende Kraft verringert, weil die helfenden Engel viel Kraft auf den Aufbau des Mechanismus verwenden müssen, der von uns hätte für sie vorbereitet werden sollen Das Opfer der heiligen Eucharistie hat nun den Zweck, eine besondere Gelegenheit dafür zu bieten, daß die göttliche Kraft aus den allerhöchsten Sphären herabströme, und eine Form hierfür vorzusehen, die es den helfenden Engeln ermöglicht diese Kraft für bestimmte Zwecke in unserer physischen Welt zu verwenden." Ein nach spirituell korrekten Gesetzmäßigkeiten durchgeführter Gottesdienst bewirkte, so Lealbeaters Beobachtungen, in der geistigen Welt den Aufbau einer Gedankenform von einmaliger Schönheit, der auf Erden etwa mit der Hagia Sophia vergleichbar wäre. Der Hellseher könne erkennen, wie ein-strahlend blauer Kegel aus höchster Astralmaterie gleich einer Turmspitze oder Kuppel aufwärts gen Himmel schießt, weit über sein Abbild in Stein hinaus, das oft das physische Gebäude krönt, in dem die Andächtigen versammelt sind. Er würde dann die blendende Glorie erschauen, die durch die Form niederströmt und sich gleich einer gewaltigen Flut lebendigen Lichtes über die ganze Umgebung ergießt Die Öffnung, durch die das höhere Leben einströmt, wird durch den Durchmesser und die Höhe der -Andachtsform bestimmt, während von der Kraft; die sich in der Geschwindigkeit, mit der die Energie der Hingebung und Andacht aufwärts schießt, ausdrückt, die Geschwindigkeit abhängt, mit der die entsprechende Kraft niederströmen kann Der Anblick ist ein wundervoller, wer jemals ein derartiges gesehen -hat, kann- nie mehr daran zweifeln, daß die unsichtbaren Einflüsse wichtiger sind als die sichtbaren; auch kann er nicht umhin einzusehen, daß die Welt, die achtlos an dem andächtigen Menschen vorbeigeht oder ihn gar verachtet, ihm all die Zeit weit mehr schuldet, als ihr selbst bewußt ist."

 

Im Zusammenhang mit der Feier der Eucharistie versucht Leadbeater die Frage zu klären, wie die Allgegenwart Christi bei der Wandlung zu verstehen sei. "Viele, die diese Dinge studieren, haben gefragt, ob es denn möglich sei, daß die Aufmerksamkeit des Herrn, auch wenn Tausende von Messen gleichzeitig gelesen werden, auf jede einzelne gerichtet sein kann, und, wenn dies der Fall ist, in welchem Sinne und bis zu welchem Grade dies erfolge. Unsere Kenntnis dieser Dinge reicht nicht aus, eine bis in Einzelheiten gehende Antwort auf diese Frage zu geben, doch steht es außerhalb jeden Zweifels, daß eine völlige und sofortige Antwort auf jede Anrufung erfolgt. Es gibt auf viel niederen Ebenen in unserem Gesichtskreis Tatsachen, die uns die Art und Weise, entsprechend welchen dieses scheinbare Wunder erklärt werden könnte, vermuten lassen. Immer und immer wieder ist bewiesen worden, daß das Bewußtsein eines Egos vollständig und gleichzeitig im Himmelsleben hunderter verschiedener Leute anwesend sein kann, ohne im geringsten die Tätigkeit dieses Egos in seiner Persönlichkeit im physischen Leben zu stören; wenn dies nun von einem gewöhnlichen, menschlichen Leben gesagt werden kann, so besteht wohl keine Schwierigkeit, sich vorzustellen, daß das Bewußtsein unseres Herrn eine unendlich größere Fähigkeit gleicher Art besitzt. Persönlich glaube ich, und ich spreche in tiefster Verehrung und Demut, daß Christus von allem Kenntnis hat, gewissermaßen in Seinem Unterbewußtsein weiß, was in Seinen Kirchen vorgeht. Ich bin nicht der Meinung, daß ER, in unserem Sinne des Wortes, jedem der Tausende oder Millionen Altäre "Seine Aufmerksamkeit zuwendet"; doch ist für Ihn Aufmerksamkeit etwas viel Höheres als für uns. Jene Aufmerksamkeit, die ER durch Seine vielen tausend Engel jedem Altare zuwenden kann, ist wahrscheinlich ebenso groß als unsere, wenn wir uns mit aller Kraft konzentrieren würden: was wir Seine konzentrierte Aufmerksamkeit nennen würden, geht weit über unser jetziges Begriffsvermögen hinaus." Es verdient als nicht uninteressante Pointe festgehalten zu werden, daß kirchliche Kreise, die sich nicht scheuten, einmal ein Blatt mit Leadbeater als "Anti-Christ" zu zieren, seine Forschungen über die Sakramente mit höchstem Interesse lasen. Enger als in seinem Werk "Die Wissenschaft der Sakramente" kamen Theosophie und Kirche nie wieder zusammen.

Leadbeater berichtete später, er habe bestimmte Beobachtungen zur Wirkung der Sakramente bereits lange vor seiner Verbindung zur Liberal-Katholischen-Kirche gemacht. Die ist nachweisbar, da bereits in der deutschen theosophischen Zeitschrift "Theosophie" im Jahr 1912 ein Artikel erschien, dem eine englische Originalveröffentlichung zu Grunde gelegen haben muß, in dem Leadbeater exakt die gleiche Beobachtung schildert, die dann später in "Die Wissenschaft der Sakramente" abgedruckt wurde. "Zum erstenmale wurde meine Aufmerksamkeit durch die Beobachtung der Wirkung wachgerufen, die die Zelebrierung einer Messe in einem kleinen Dorfe in Sizilien hervorbrachte. Diejenigen, die diese wunderschöne Insel kennen, werden wissen, daß man dort nicht die intellektuellste Form der römisch-katholischen Kirche antrifft und weder die Priester noch auch die Menschen könnte man als besonders hoch entwickelt bezeichnen; und doch war die ganz alltägliche Feier der Messe eine großartige Darstellung der Anwendung okkulter Kraft.

In dem Augenblick der Konsekration erglühte die Hostie in blendendstem Glanze und wurde tatsächlich für das Auge des Hellsehers eine wahre Sonne. Als der Priester sie dann über die Köpfe der Gemeinde emporhob, bemerkte ich zwei ganz verschiedene Arten spiritueller Kraft, die von ihr ausstrahlten und die man vielleicht dem Sonnenlichte und den Strahlen der Korona ungefähr vergleichen könnte. Die erste Kraft strahlte gleichmäßig auf alle Menschen aus; sie durchdrang sogar die Wände der Kirche, als ob dieselben nicht vorhanden wären, und beeinflußte einen bedeutenden Teil der umgebenden Landschaft." Auch in der Taufe sah Leadbeater ein Geschehen von erheblichen geistigen Auswirkungen. Die Verbindung des Täuflings mit einem "Schutzengel" sowie die Belebung der Chakras des Neugeborenen entsprachen keinem frommen Fürwahrhalten, sondern geistigen Gesetzmäßigkeiten.

 

Leadbeater maß den sakramentalen Handlungen hohe Bedeutung bei, doch er war sich als Theosoph natürlich bewußt, daß in der Messe aus einem "Teufel kein Engel wurde". Die karmischen Strukturen blieben erhalten, doch sie konnten mit neuer geistiger Energie bewältigt werden, wenn man sich zu diesem Weg hingezogen fühlte.

In der Fortsetzung seines Kommentars zu Krishnamurtis "Zu Füßen des Meisters", der in diesem Abschnitt schon angesprochen wurde, forderte Leadbeater selbst die beiden Seiten (Zeremonialisten und Anti-Zeremonialisten) zum gegenseitigen Respekt auf. "Es ist ein nie endender Streit, gerade weil beide Teile recht haben, und in einer Art beide unrecht; unrecht wenn sie ihre spezielle Methode für unbedingt nötig halten, und recht, wenn sie sie für die Methode halten, die am besten für sie und Tausende andrer paßt. So daß die, die die Zeremonie, die Statue, das Bild, die Manifestation der physischen Ebene nötig finden, zu einem bestimmten Typus gehören, einem sehr alten und edlen Typus, einem der Sieben Großen Strahlen, an deren Spitze einer der Sieben Großen Geister vor dem Throne Gottes steht. Und diejenigen, die diese Dinge eher störend und zerstreuend finden, folgen auch ihrer eignen Richtlinie Sie gehören zu einem andern Strahl und einem andern Typus, und jeder von diesen hat ein weites Feld für seine Anhänger, ebenso wie er natürlich auch seine Gefahren hat." Leadbeater war offensichtlich ein gutes Beispiel für diese Toleranz, und er könnte, mit bestem britischen Humor, auch sich selbst karikieren. Anläßlich einer Überfahrt von Australien nach Indien konnte man ihn nur mit Mühe und unter Hinweis auf das völlige Unverständnis seitens katholischer und anglikanischer Mitreisender davon abbringen, auf einer Verkleidungsparty an Bord in seinem vollen Bischofsornat mit Kreuz und Mitra zu erscheinen. Es bedarf einer nicht unerheblichen Souveränität, um sich so zu verhalten!

Jenen, die trotzdem den Streit suchten und mit Starrköpfigkeit auf der Position ihrer ‘Wahrheit‘ verharrten, erzählte Leadbeater gerne eine, kleine Geschichte aus dem Talmud. "Erinnern Sie sich an die Geschichte von Abraham im Talmud. Es wird da erzählt, daß Abraham einst einen Mann in der Wüste empfing und im Begriff war, ihm Speise und Trank zu reichen, wie man es natürlich jedem tun würde, der in der Wüste daherkommt. Abraham forderte ihn auf, Gott zu loben, ehe er äße, und als er sich weigerte und sagte, er wisse nichts von Gott, da erhob sich Abraham zornig, warf ihn aus dem Zelte hinaus und gab ihm gar nichts. Dann kam der Herr, wie Er es scheinbar in jenen Tagen zu tun pflegte, und sagte: "Warum schickst Du ihn weg?" Abraham sagte mit großer Entrüstung: "Herr, er weigerte sich, Deinen Namen anzuerkennen. Er ist ein Ungläubiger schlimmster Art." "Ja", sagte Gott, "aber Ich habe sechzig Jahre lang Geduld mit ihm gehabt, also. kannst Du wohl eine Stunde lang‘ Geduld mit ihm haben."

Aus dieser Geschichte kann man viel lernen."